Schluss mit dem Warten!


Wir warten. Auf den Bus oder die U-Bahn. Im Wartezimmer auf den Arzt. Auf die Freunde vor dem Lokal. In der Schlange mit Abstand und Maske an der Supermarktkasse. Und wir warten auf Männer. Auf Männer, die in letzter Sekunde absagen, während wir bereits horny as hell im Zimmer stehen. Und wenn die Kerle dann doch aufkreuzen, dann warten wir manchmal auf diesen Kick im Kopf, der den Orgasmus zu etwas Besonderem macht. Und wenn dieser ausbleibt, dann stellen wir ernüchternd fest, dass die Vorstellung auf Sex geiler war als der Akt selbst. Frei von Samenstau bleiben wir trotzdem unbefriedigt - aber vielleicht können wir das Spiel zu unseren Gunsten beeinflussen? Wäre das nicht großartig? Ein Feuerwerk im Kopf, egal, wie gut oder schlecht das Gegenüber ist? Neue Synapsen, neue Verbindungen in unserem Gehirn schaffen?

Natürlich gibt es Grenzen und es gibt rote Linien, die bei Übertretung einfach extrem abturnend sind. Wer zum Beispiel nicht auf Gerüche steht, wird massiv Probleme bekommen, wenn der andere Kerl auf einen halben Meter Entfernung nach Todeszone stinkt. Da hilft die beste Vorstellungskraft nichts mehr. Wir müssen uns also nicht um jeden Preis ein Date und den Sex schönreden oder schön fantasieren, was wir allerdings wirklich tun können, ist das Warten und uns selbst einen anderen Kick verschaffen. Wir haben es bis zu einem großen Teil selbst in der Hand, wie befriedigt wir aus einer Situation rausgehen.

Lasst uns also noch einmal über die allseits bekannte Situation sprechen, wenn stunden- oder tagelang geschrieben und gechattet wird und der schwule Lover dann nicht aufkreuzt, weil - wir wissen es ja - just drei Minuten bevor man sich treffen wollte, die Großmutter auf hoher See von einem Eisberg gerammt wurde. Oder ähnlich Plausibles. An dieser Stelle sei gesagt: Ehrlichkeit käme am besten. Sagt eurem Gegenüber doch, ihr habt keine Lust, ihr seid zu müde. Das funktioniert natürlich schwer, wenn man dafür in der Regel sofort beschimpft wird. Auch wenn es verständlich ist, gefrustet zu sein, wäre etwas mehr Freundlichkeit vielleicht doch zielführender. Und wenn ihr trotzdem lügen wollt, Jungs, lügt besser. Seid kreativ! Ohne Eisberg bitte. Und was machen wir Zurückgebliebenen? Wir können weiter gefrustet sein, erneut online mit einer Hand nach dem nächsten Date suchen oder wir konzentrieren uns einmal ganz auf uns.


Wenn du jetzt denkst: „Wie? Soll ich einfach masturbieren? Und das soll es bringen?“, dann hast du noch nicht ganz verstanden, worauf wir hinauswollen. Denn das Warten auf den anderen Kerl, die Ungewissheit, die Möglichkeiten, die vielleicht nur in deinem Kopf stattfinden, all das kann beinahe jedes Erlebnis zu einem besonders geilen Event für dich machen. Männer, macht euch klar: Guter Sex findet im Kopf statt. Einfach abspritzen kann auch ein Entsafter.

Also, mach´ einen solchen Abend doch zu etwas Besonderem, diese Zeit des Wartens, unabhängig davon, ob der Fremde kommt oder nicht. Spiele an dir herum. Male dir aus, wo er dich berühren wird. Schließe deine Augen, flirte mit ihm, dem (noch) unsichtbar Unbekannten. Ziehe dich nicht einfach aus, zelebriere es, genieße es. Spüre, wie er deine Jeans oder dein Hemd langsam von deiner Haut abstreift. Wenn du nackt bist, zeige doch schon einmal, wie du dich präsentieren willst. Spüre, wie warm oder kalt es in deinem Zimmer ist. Was riechst du? Was hörst du? Spürst du nicht, wie die Erwartung, die Vorfreude, das Fieber, dieser alles bestimmende Impuls von Sex durch deinen Körper wandert? Poren öffnen sich, Schweiß rinnt an deinem Körper entlang, Blut schießt in deinen Penis, Synapsen laufen Amok, Adrenalin jagt wie ein Bankräuber auf der Flucht durch deine Glieder. Neurotransmitter vibrieren in deinem Kopf, das Dopamin steht in den Startlöchern. Die Vorgänge, die kurz vor und während des Sex in unserem Gehirn ablaufen, gleichen den Effekten der Einnahme von Kokain. 

Das einzige, was du tun musst, um dieses Lustempfinden wirklich zu erleben, ist dir genau dies selbst zu gestatten. Wenn du dich schnell ausziehst und beinahe leblos auf den Mann für die Nacht wartest, passiert nicht so viel in deinem Kopf. Wenn dann Mr. Lover-lover nicht aufkreuzt - warum auch immer - und du dir erlaubst, jetzt deinem Frust freien Lauf zu lassen, wie soll das Ganze dann noch positiv oder gar befriedigend für dich ausgehen? Selbst wenn du einen zweiten Typen online klar machst, hat der bereits einen echt schweren Stand. Er muss gegen deinen Frust und deine erste Form von Stress und nervlicher Anspannung angehen. Das vermögen sicherlich einige Männer, die meisten sind aber chancenlos - kurzum, der Abend wird für dich mit großer Sicherheit unbefriedigt zu Ende gehen.


Kannst du das nicht besser? Warum machst du dein ganzes Glücksempfinden von einem anderen Typen abhängig? Natürlich brauchen wir ab und an etwas Physisches und Haptisches, doch oftmals können wir uns tatsächlich alleine viel Spaß bereiten und auch das Warten auf etwas, das vielleicht kommt, vielleicht aber auch nicht, zu einer ziemlich geilen Zeit machen. Genieße dich mehr, genieße mehr das Kribbeln in deinem Körper. Es geht nicht um Schmetterlingsgefühle oder um Verliebtsein, aber konntest du nicht ausreichend lang mit deinem besten Freund bereits üben? Also wie wäre es eben mit jenem besonderen Gefühl, dass trotz all den Erfahrungswerten wieder für ein Vibrieren in uns sorgt?

Ein anderer Aspekt neben dem intensiven Selbsterlebnis ist also das Spiel mit der Eroberung, die Freude am Flirten. Sicherlich kennen wir das auch, dass wir manchmal nur nach einer schnellen Nummer suchen, aber warum eigentlich? Ist das nicht auch wieder “nur“ eine Fantasie, die wir befriedigen wollen? Das Anonyme, das Kribbeln in uns - letzten Endes ist sogar der schnelle Sex, egal ob outdoor oder in den eigenen vier Wänden, eine Spielart, die uns deswegen so anturnt, weil unser Kopf dabei als Regisseur agiert. Er dirigiert das Schauspiel, schafft den Hintergrund, die Szenerie und oftmals sogar eine ganze Geschichte drum herum. Bilder entstehen in unserem Kopf, bewusst wie unbewusst.

Warum lassen wir unser Gehirn dann nicht auch öfter und aktiver daran teilhaben, wenn wir Sex haben, der abseits der Anonymität stattfindet? Gönne dir, deinem Kopf und deiner Geilheit doch das Prickeln, das Spiel mit den Erwartungen, flirte - ob mit dir, deinem Körper oder dem anderen Mann dir gegenüber. Wer das richtig anstellt, kann allein schon das Warten auf den Typen der Nacht zu einem wahrlich extrem erotischen und intensiven Erlebnis machen. Wir müssen unseren Sinnen nur erlauben, aktiv unser Gehirn mitzubefeuern. Und wir sollten unvoreingenommen an die Sache herangehen. Genieße den Sex, egal wie der Abend verläuft, denn genau dann hast du es wirklich geschafft: Dein Sex wird reicher und intensiver sein, egal ob der fremde Mann aufkreuzt oder nicht. Dein Sexleben kann um so viel mehr besser sein - und du hast es in der Hand. Und in deinem Kopf.


Fotograf: Georg Krause

Autor: Michael Soze

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