Was ist uns der CSD wert?


Eine Frage, die sich heute (25.Januar2021) die Mitglieder des Ausschusses für Wirtschaft, Energie und Betriebe im Abgeordnetenhaus von Berlin stellen müssen. An diesem Tag wird laut Tagesordnung unter Punkt 4 a) „Die Bedeutung von Großveranstaltungen mit überragender touristischer Attraktivität“ und unter b) „Die Bedeutung von Großveranstaltungen für die Berliner Wirtschaft und den Handel in der Region“ diskutiert. Was sich so kompliziert anhört, ist gerade für Berlin ein sehr wichtiger Punkt. Die Großveranstaltungen zeigen die Seele dieser Stadt, sie zeigen was Berlin ist und kann. Sie stahlen nach innen und nach außen. Sie sind ein wichtiger Werbeträger für die Metropolregion Berlin. Darüber hinaus sind Großveranstaltungen ein touristischer Magnetpunkt und ein Jobgarant.

Nicht jede Großveranstaltung ist in sich gleich. So haben wir die Messen und Kongresse, wo große und finanziell starke Unternehmen und Organisationen dahinterstehen. Die darauf ausgelegt sind, finanzielle Gewinne zu machen. Andere Großveranstaltungen werden aus der gesellschaftlichen Mitte heraus organisiert. Von Berlinern, die diese Großveranstaltungen im Ehrenamt organisieren. Nach dem Karneval der Kulturen ist der Berliner CSD dabei die größte Großveranstaltung in Berlin. Mit bis zu über 500.000 Teilnehmern und mit fast einer Million Gästen gehört er zur Berliner Seele dazu. Der Berliner CSD macht genau das aus, was Berlin ist und zeigt zudem, wie sich Berlin der Welt präsentieren will. Zusammen mit den schwul-lesbischen Stadtfest in Schönberg hat Berlin eine überragende touristische Attraktivität, die vom Abgeordnetenhaus und dem Berliner Senat gefördert werden muss. In kaum einer anderen Zeit im Jahr kommen die Menschen aus ganz Europa, den USA, Russland, Asien und Australien so stark nach Berlin, um gemeinsam eine Großveranstaltung zu besuchen. Wo sie gemeinsam Flagge zeigen und feiern. Zugleich ist der Berliner CSD und auch das schwul-lesbische Stadtfest ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

In der Woche zwischen den beiden Großveranstaltungen nimmt die Übernachtungsbranche rund 30 Millionen Euro ein und die Gesamtwirtschaftskraft liegt bei 180 Millionen Euro. Viele Unternehmen im Handel verbuchen in diesen Tagen ihre Haupteinnahmezeit und würden ohne den CSD und das Stadtfest ins wirtschaftliche Straucheln geraten. 2020 haben wir es ja gesehen, dass ein Ausfall von LGBTQ-Veranstaltungen der Community großen touristischen und wirtschaftlichen Schaden zufügen kann. Daher müssen das Berliner Abgeordnetenhaus und der Berliner Senat sich die Frage stellen, wie viel der Berliner CSD ihnen wert ist.

So eine Veranstaltung lässt sich nicht in wenigen Tagen oder Wochen organisieren. Es lässt sich auch nicht im puren Ehrenamt organisieren. Es braucht hier eine finanzielle Grundlage. Die Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge, Startgebühren und Sponsoring decken in den besten Jahren gerade so die Gesamtkosten der Veranstaltung. Wir hatten aber auch schon Jahre, wo der Verein mit einem Minus aus der CSD-Session gegangen ist. Bei der Größe und dem Ausmaß des CSD in Berlin heißt es für den Vorstand immer „Nach dem CSD ist vor dem CSD“. Kaum sind die Wagen abgebaut und der Freudenrausch ausgeschlafen, schon muss man für das nächste Jahr planen. Und hier braucht es Geld.

Geld für Büroräume, wo diese so wichtige Großveranstaltung professionell organisiert werden kann. Und es braucht einen Mitarbeiter, der ansprechbar ist für Behörden, Partnerunternehmen und Teilnehmenden, wenn die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder ihrem Beruf nachgehen. Es braucht mindestens eine amtliche Vollzeitstelle. Nochmals: Was ist uns also der Berliner CSD wert? Da jetzt genau diese Fragen gestellt werden müssen, hat die FDP im Abgeordnetenhaus den Berliner CSD mit auf die Liste der zu beratenden Großveranstaltungen gesetzt und den amtierenden Vorstand dazu eingeladen.

Eigentlich darf es seitens der Politik keine Diskussion geben, da wohl allen Parteien in Berlin, von CDU bis Linkspartei, der Berliner CSD am Herzen liegt. Alle wollen gerne mit ihren Wagen in der Reihe mitfahren, alle wollen ihre Vertreter ganz vorne an das Banner stellen, wo die Medienvertreter die Bilder machen, die anschließend in die Welt getragen werden. Bilder, die zeigen, dass Berlin bunt, vielfältig und lebenswert ist. Dass es sich lohnt, nach Berlin zu kommen. Sei es für ein paar Tage oder für immer. Daher müsste es jetzt nicht darum gehen, ob der Berliner CSD e.V. eine Unterstützung bekommt, sondern wie hoch diese sein muss.

Autor: Sebastian Ahlefeld

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