Wer braucht schon noch die LGBTQ-Kultur?


Der Ausspruch, „Ist das Kultur oder kann das weg“, ist in Deutschland in den letzten Jahren zu einem satirischen festen Begriff geworden. Doch inzwischen hat sich der Satz inhaltlich selbst ad acta gelegt. Aktuell müsste es nun lauten: Ist das Kultur? Dann kann es ja weg.

Das Jahr 2020 hat leichtfertig einmal mehr gezeigt, dass das Leben der LGBTQ-Community und ihrer einzigartigen Kultur für viele Politiker und Entscheidungsträger ein nettes Add-On ist, etwas, das wie Deko-Schmuck an den Säulen der Demokratie hängt und glitzert, um Weltoffenheit auszustrahlen und zu demonstrieren, ohne dabei wirklich die Substanz jener Säulen zu stärken. Man kann scheinbar leichtfüßig und problemlos darauf verzichten, wenn es um die Bekämpfung einer Pandemie geht – in Deutschland genauso wie in Europa.

Es ist medial zuckersüß, wie immer wieder gerade auch von Wirtschaftsminister Peter Altmaier eine Hilfe auch für diese Community ausgelobt wird, die dann doch nicht kommt oder viel zu spät. Eine bürokratische Hürde nach der anderen lässt weite Teile der Szene hilflos zurück. Eine, die davon ein Liedchen singen kann, ist die berühmte deutsche Drag-Queen und politische Aktivistin Gloria Viagra.

Gloria Viagra ungeschminkt im MyGay Büro

Auch ihr brachen alle Auftritte weg und seit Anbeginn der Pandemie arbeitet sie jetzt als Schokoladenverkäufer für einen großen Süßwarenhersteller: “Seitdem es Corona gibt, bin ich stillgelegt wie eigentlich die ganze Kultur. Corona ist eine weltweite Pandemie und da gibt es auch keinen Zweifel daran. Aber mit welcher Selbstverständlichkeit Kultur stillgelegt wird und immer an erster Stelle steht, wenn es um Schließungen geht, das müssen wir endlich in Frage stellen. Kultur ist eines der wesentlichen Pfeiler von gesellschaftlichem Zusammenleben und Demokratie! Kultur kann nicht einfach abgeschaltet werden. Und gerade die ganzen Bars und Treffpunkte sind für die LGBTQ-Community so wichtig und gehören zum Leben dazu. Für uns ist es ein unverzichtbarer Teil, sich mit seiner Wahlfamilie in unseren Schutzräumen zu treffen. Und das erschreckt mich immer wieder, wie selbstverständlich das platt gemacht wird – auch wieder in der zweiten Welle, obwohl alle Betreiber massiv in Hygienekonzepte finanziert hatten. Da frage ich mich, was hat die Politik den letzten Sommer über eigentlich gemacht? Warum wurden keine Konzepte für die zweite Welle erarbeitet, obwohl doch klar war, dass sie kommen wird. Kultur ist so wichtig für die Gesellschaft und gerade für die LGBTQ Community braucht es diese Schutzräume! Je länger diese Einschränkungen andauern, desto schwieriger wird es danach werden. Niemand kann sagen, wer überlebt – es werden so viele queere Orte nicht mehr existieren. Wir brauchen ein starkes Augenmerk auf die queere Community, gerade jetzt, wo die Zeiten wieder hasserfüllter werden.“


Ein wunderbarer Gedanke – doch was bleibt im Jahr 2021 davon übrig, spätestens dann, wenn der Großteil der Bevölkerung in diesem Jahr nach und nach gegen Corona geimpft sein wird? Denn bereits während der Krise im Sommer 2020, als beinahe alle großen Festivals und Pride-Paraden abgesagt wurden, zeigte sich, dass ein solcher bis heute einmaliger Vorgang auch innerhalb der Community nur teilweise auf ein solidarisches Denken traf. Immer wieder kochte bereits damals und nun im neuen Jahr erneut die Frage hoch: „Wer braucht schon die Community? Alles doch nur noch Kommerz und Sexpartys. Gut, wenn der Blödsinn endlich mal ein Ende hat!“

Wer als schwuler Mann oder generell Teil einer nicht-heterosexuellen Community so spricht, verkennt nicht nur die Wichtigkeit der Vielfalt unserer Community, er hat schlicht und ergreifend auch keine Ahnung davon, wie es in der Realität um die Szene bestellt ist – und welche enorme Wichtigkeit sie bis heute hat. Und er untergräbt zudem die Bemühungen, auch in der Politik Menschen davon zu überzeugen, dass Kultur und auch zahlreiche LGBTQ-Angebote mehr sind als ein „Nice-to-have“. Wir haben es zuletzt über die Feiertage an Weihnachten gesehen, als die absolut sinnvollen Beschränkungen im Lockdown bezüglich von Treffen im engsten Familienkreis ausgegeben worden sind. Was abermals komplett vergessen wurde, war die Frage: Was passiert mit den Wahlfamilien, in denen viele LGBTQ-Menschen fernab ihrer ursprünglichen Familie leben? Es gab keine Konzepte, wie sich hier Menschen trotz der Pandemie hätten sehen dürfen.


Doch zurück zur Kritik selbst, betrachten wir uns diese dann doch einmal genauer – Stichwort Kommerz in der Community. Stimmt es, dass die einstmals großen Clubbetreiber Unsummen an Geld verdienten? Wer das denkt, sollte sich dringend einmal die Zeit nehmen, mit den Betreibern solcher Events persönlich zu reden, insofern sie nicht inzwischen allesamt Insolvenz angemeldet haben – sein Weltbild hat nämlich mit der Realität nichts zu tun. Viele Clubs, Szeneläden und Lokalitäten agierten bereits seit Jahren am Rande der Wirtschaftlichkeit und trugen sich in mageren Monaten oftmals sogar nur mit privatem Geld weiter. In den meisten Fällen sind solche Events Plus-Minus-Null-Geschäfte. Wenn es wirklich gut läuft, steht am Ende ein kleiner Gewinn. Dann muss aber alles funktioniert haben – das Haus muss voll gewesen sein, das Wetter passend und die Musik richtig geflasht haben. Trotzdem fallen immense Kosten an: Miete, Mitarbeiter, Auflagen der jeweiligen Städte und Locations, Gebühren für mögliche Rechte und so weiter - reich wird davon kein Clubbetreiber mehr.

Die wilden Zeiten, für die gerade Berlin früher so berühmt war, mussten sich auch der Bürokratie unterordnen. Es ist egal, ob man einen Club, einen Laden, ein Café oder einen Verlag für Magazine, Bücher oder Filme für die LGBTQ-Community betreibt – fast immer geschieht dies, so verklärt romantisch es vielleicht klingen mag, aus einer persönlichen Motivation heraus. Dahinter steckt meistens auch der Wille, der eigenen Community etwas zurückzugeben, sie zu stärken und die Vielfältigkeit einer eigenen Subkultur zu bereichern. Wer finanziell reich werden will, engagiert sich nicht in der schwul-lesbischen Community.


Ähnlich sieht es zum Beispiel auch im LGBTQ-Kulturbereich aus, nehmen wir exemplarisch einmal die Buchläden in der LGBTQ-Community: Genau drei davon haben bis heute in Berlin, Wien und Stuttgart überlebt und kämpfen seit Covid-19 noch verstärkter gegen den eigenen Untergang, obwohl paradoxerweise die Vielfältigkeit unserer Kultur stetig anstieg. Veit Georg Schmidt von der Buchhandlung Löwenherz aus Wien dazu:

„Kultur lebt in Widersprüchen, auch ihre Schwierigkeiten sind nie eindeutig. Wir erleben als Buchhändler seit Jahren eine Blüte ungekannter Schönheit und Vielfalt der lesbischen und schwulen Literatur; zugleich verschärft sich die Situation, eine unabhängige Buchhandlung zu betreiben von Jahr zu Jahr. Dies betrifft die wirtschaftlichen Aspekte direkt, aber als nicht-heteronormatives Unternehmen vor allem auch auf einem indirekten Weg: Wir erleben, wie sich Teile des Mainstreams einzelne unserer Themen aneignen und uns dann mit angepasster Normalkost überschwemmen. Wie grenzen wir uns also von der heterosexuellen Normalwelt ab? Und weil die Kulturbudgets fest in heterosexueller Hand sind, wird die wichtigste Frage infolge der aktuellen Krise sein: Wie bleiben wir das, was wir sein wollen, und werden nicht das, was wir sein sollen?“

Veit Georg Schmidt, Foto: B_Fabian Dierig

Wird die aktuelle Krise also insgeheim auch noch dazu genutzt, alles Unangepasste in der LGBTQ-Welt leise und still zu entsorgen? Und wenn es so ist, warum verhalten sich weite Teile der Community so brav und ruhig? Ein wesentlicher Aspekt für diese Stille innerhalb unserer Szene ist wohl der Punkt, dass sich immer weniger homosexuelle Menschen überhaupt noch mit der eigenen Kultur identifizieren. Schwule Treffpunkte werden nur noch von rund fünf Prozent der Schwulen regelmäßig besucht (Studie: Deutsche Aidshilfe), Cafés, Bars (14 Prozent) und Clubs (7 Prozent) haben ebenso einen Besucherschwund an regelmäßigen Gästen zu verbuchen. Insgeheim mag ein Teil der schwulen Männer vielleicht sogar ganz dankbar darüber sein, dass die Szene in der Pandemie immer mehr ausgedünnt wird – Stichwort Sexpartys. Die Imagekiller für all jene, die darin nur einen Gesichtsverlust für die Community erkennen.

Das Ausleben der eigenen Sexualität, die Freiheit dieser  Entscheidung war und ist eines der Grundpfeiler jeder Bewegung innerhalb der Community hin zu gleichen Rechten und zu echter Akzeptanz in einer Gesellschaft. Sexualität hat nichts Verwerfliches, nichts Negatives an sich. Dabei spielt es keine Rolle, ob man persönlich etwas damit anfangen kann oder nicht - es sollte in der freien Entscheidung jedes Einzelnen liegen, wie er sein Leben gestaltet – und gerade innerhalb der Community sollten wir mit viel mehr Respekt miteinander umgehen, auch wenn die Lebensweise des anderen nicht der eigenen entspricht.

Ich kann keine Gleichberechtigung und Akzeptanz für mein Leben einfordern, wenn ich andere Menschen mit anderen Lebensmodellen herabsetze. Und noch einmal zur Klarstellung: In sehr vielen Fällen waren es genau jene sexuell aktiven Männer und Frauen, die aufbegehrten und sich für mehr Gleichberechtigung für die Community einsetzten. Der brave, angepasste Homosexuelle stand die erste Zeit eher selten auf der Straße und forderte Akzeptanz ein. Er hatte ja zu viel an Reputation zu verlieren. Und genau jene sexuellen Rebellen sind aktuell wieder am stärksten präsent, wenn es um den Erhalt der Schutzräume und Treffpunkte für die LGBTQ-Community geht.  


Bleibt die Sache mit der Szene selbst: Die, die der Szene schon immer fern geblieben sind, sehen auch jetzt keinen Verlust darin, wenn immer mehr Bars, Clubs und queere Lokalitäten für immer schließen müssen. Sie verkennen dabei, dass die Szene auch dann für sie da war und ist, auch wenn sie sie selbst nicht persönlich genutzt haben oder nutzen. Wie bereits erwähnt, ist die Motivation der allermeisten Betreiber eine hochpolitische und persönliche: All diese Treffpunkte zeigen Flagge für die Community. Sie präsentieren das Bild einer LGBTQ-Gemeinschaft, die gerade in den letzten Jahren wieder massiv erneut unter Druck stand und steht.

Wir wissen von dem Rollback der Rechte für homosexuelle Menschen. In immer mehr Teilen Europas (und der restlichen Welt wie Brasilien) wird wieder massiv versucht, hart erkämpfte Rechte zu beschneiden oder gar ganz abzuschaffen. Wir dürfen nicht so naiv sein zu glauben, dass alles Erreichte per se für immer einfach so Bestand haben wird. Es bedarf Standhaftigkeit, kritischer Aufmerksamkeit und eben auch Sichtbarkeit im Lebensalltag aller Menschen, damit Lebensmodelle aus dem LGBTQ-Bereich als gleichwertig und weiterhin dazu gehörig verstanden werden.


Hier leisten all die verbliebenen Bars, Clubs, Kulturveranstaltungen und Events aus der Community einen enormen Dienst – für uns alle! Wer also einmal mehr leichtfertig das Wegfallen vieler Treffpunkte für schwule Männer mit einem Achselzucken kommentiert, weil es augenscheinlich nichts mit ihm persönlich zu tun hätte, ist an Einfältigkeit kaum mehr zu überbieten. Zudem sind all diese Orte auch ein unverzichtbarer Gesellschaftskitt, ein Fels in der Brandung für alle von uns.

Was wird das für ein Land sein, in dem Ende 2021 die meisten Menschen wahrscheinlich geimpft sein werden und dann aber im LGBTQ-Bereich vor verschlossenen Türen stehen?

Und was bedeutet es für Homosexuelle – egal ob alt oder jung -, die allein zu Hause bleiben, weil ihre Treffpunkte dauerhaft geschlossen werden mussten? Glauben wir wirklich, Dating-Apps können die Lücke allein füllen? Glauben wir, neue Treffpunkte innerhalb der Community lassen sich alle so leicht wieder reaktivieren wie ein staatlich subventioniertes Theater, das einfach wieder seine Türen aufsperrt und weitermacht?

Unsere Community und unsere Kultur sind vielfältig gewachsen und bunt, wie nicht nur die Regenbogenflagge oder der vielleicht etwas sperrige, stets gerne in Erweiterung existierende Begriff „LGBTQ“ verdeutlichen. Unsere Community lebt nicht von den wenigen Großveranstaltungen im Jahr, sondern das Herz und die Seele unserer Gemeinschaft pulsiert bei und auf den vielen kleinen Kulturevents und Szenetreffpunkten. Unsere queere Kultur in all ihrer Vielfalt ist nicht nur systemrelevant, sie ist überlebenswichtig für uns alle.

Ihre Sichtbarkeit ist eines der Eckpfeiler gegen homophobe Strömungen, die wir in diesen Tagen verstärkt in mehreren europäischen Ländern erleben. Erst Ende letzten Jahres haben wir wieder mitansehen müssen, wie einmal mehr LGBTQ-Menschenrechte in der EU für einen gelungenen Haushaltsabschluss über Bord geworfen worden sind: Polen und Ungarn dürfen weiterhin Schwule und Lesben, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, der Menschenwürde berauben. Wie viel mehr werden wir einstecken müssen, wenn die LGBTQ-Kultur immer mehr verschwindet und unsere Community damit immer unsichtbarer wird?    


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