Medizinisches Cannabis – Suchteinstieg oder Therapie?


Cannabis als medizinische Therapie, im Fachjargon Medizinal-Cannabis genannt, ist seit März 2017 in Deutschland als anrechnungsfähige Therapieoption zugelassen. Seitdem gibt es in der Gesellschaft bei Ärzten, Apothekern und in der Politik große Diskussionen darüber. Die einen sehen Cannabis als eine gefährliche Droge an, die anderen als eine Therapieoption mit einer vielfältigen medizinischen Wirkung. Über dieser Diskussion schwebt zudem die Frage der Legalisierung jeglicher Vertriebsarten der süß-würzig riechenden Pflanze. Das von CDU/CSU und SPD beschlossene Gesetz „Cannabis als Medizin“ verbirgt Tücken, die den Anbau in Deutschland erschweren, den Ärzten, Apotheken und Krankenkassen viel Bürokratie abverlangt und dadurch Patienten die Therapie mit Medizinal-Cannabis schwer zugänglich macht.

So ist der Anbau in Deutschland wie auch der Import von Cannabis-Blüten stark reglementiert. Aufgrund sehr hoher Auflagen für potenzielle Cannabis-Produzenten in Deutschland beginnt hierzulande gerade erst der kommerzielle Anbau. Für den Import von Cannabis gibt es für jedes Jahr eine Schätzung des voraussichtlichen Bedarfs durch die Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Da die medizinisch benötigte Menge an Medizinal-Cannabis aber regelmäßig höher ausfällt als der Richtwert, muss die zuständige Behörde oft nachbeantragen. Lag die importierte Menge an Medizinal-Cannabis 2016 noch bei 1.500kg, waren es 2018 schon beinahe 11 Tonnen und 2019 mehr als 20 Tonnen. Für das Jahr 2020 liegt das mögliche Import-Kontingent inzwischen bei 28 Tonnen. Die meisten Blüten kommen aus den Niederlanden und Kanada sowie aus Israel und Portugal.


Ein weiteres Problem stellt das Antrags- und Genehmigungsverfahren durch die Krankenkassen dar, aber auch das Fehlen von Medizinal-Cannabis in den Verschreibungs-Leitlinien macht den Bezug schwierig. Durch das Fehlen in den Leitlinien gerät die Therapieoption Medizinal-Cannabis oft in Vergessenheit und steht an allerletzter Stelle der möglichen Therapien. Durch den hohen bürokratischen Aufwand und die Einflussnahme der Krankenkassen auf die Therapiewahl des Arztes, hat dieser faktisch keine Therapiehoheit mehr. Das macht eine Verschreibung wenig attraktiv. Ein solches Antragsverfahren gibt es für kein anderes zugelassenes Medikament.

Trotz aller Hürden und Schwierigkeiten steigt der Bedarf Jahr für Jahr an. Einige Apotheken sind inzwischen auf die Versorgung mit medizinischem Cannabis spezialisiert. Eine Pionierin auf diesem Gebiet ist die Berliner Apothekerin Melanie Dolfen, Inhaberin der Bezirks-Apotheke. Seit 2013 engagiert sich Melanie Dolfen mit hohem persönlichem Einsatz für die Akzeptanz von Medizinal-Cannabis in Gesellschaft und Fachkreisen. In ihrer Apotheke am Alexanderplatz ist das Thema Cannabis unübersehbar. So hängen an der Decke kunstvolle Cannabis-Blätter und man bietet eine große Palette von Darreichungsformen für die Cannabis-Therapie an – von den klassischen Blüten bis zum individuell hergestellten Öl-Extrakt.

Melanie Dolfen, Bezirks-Apotheke Berlin

Melanie, was genau ist medizinisches Cannabis?

Im Grunde ist es Cannabis, wie man es auch auf der Straße bekommt, nur dass Cannabispflanzen zur medizinischen Nutzung unter streng kontrollierten Bedingungen angebaut werden. Demnächst wird die erste deutsche Ernte erwartet. Denn auch bei uns kann Cannabis wie in vielen anderen Ländern schon jetzt kommerziell angebaut werden. Nur wächst es im Gegensatz zum unerlaubten Anbau nicht in der freien Natur oder in einer Garage, sondern in Hochsicherheitsanlagen ohne Tageslicht. Die Pflanzen und ihre Umgebung sind dadurch standardisiert, wir wissen, welche Qualität sie haben und welchen Gehalt die verschiedenen Inhaltsstoffe aufweisen. Man kann sich sicher sein, dass das Endprodukt nicht von Schimmel, Pilzen oder Parasiten befallen ist. Vor allem aber, dass es nicht mit Schadstoffen verunreinigt oder mit billigen Substanzen gestreckt ist. Medizinal-Cannabis unterliegt strengen Regeln und ist für den medizinischen Ansatz gedacht, nicht für den Freizeitgebrauch.

Wie hoch ist der THC-Gehalt?

Es gibt viele unterschiedliche Blütensorten. In jeder sind der CBD- und der THC-Gehalt unterschiedlich. Auch in jeder neuen Ernte gibt es Unterschiede. Deshalb ist der standardisierte hochtechnische Anbau unerlässlich. Man hat außerdem festgestellt, dass für die medizinische Wirkung das ganze Spektrum an Inhaltsstoffen, also zum Beispiel der Gehalt an Terpenen und anderen Begleitstoffen, relevant ist.

Wofür wird medizinisches Cannabis angewendet?

Hauptsächlich wird es im Moment in der Schmerztherapie angewandt. Auch bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma, Multipler Sklerose oder in der Krebstherapie ist es eine gute begleitende Möglichkeit. Es findet Anwendung bei HIV- und ADHS-Patienten.


Wer bekommt medizinisches Cannabis?

Jeder kann von seinem Arzt medizinisches Cannabis verordnet bekommen, wenn die entsprechenden Voraussetzungen bestehen. Oft sind es Patienten, bei denen herkömmliche Medikamente nicht mehr anschlagen, die als „austherapiert“ gelten. Daraufhin kann der Arzt darüber nachdenken, ob sein Patient ein Kandidat für eine Cannabis-Therapie ist. Der Aufwand dahinter ist groß. Die Patienten müssen die Therapie meist zuerst aus ihrer eigenen Tasche bezahlen und erst, wenn man nachweisen kann, dass Cannabis in ihrem speziellen Fall besser wirkt als gängige Medikamente, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es von der Krankenkasse bezahlt wird.

Wenn ich ein Rezept bekomme – was muss ich dann machen? Kann ich damit in jede beliebige Apotheke gehen?

Der Patient bekommt ein spezielles Rezept für Betäubungsmittel und kann damit in jede Apotheke gehen. Im Moment ist es aber leider noch so, dass es in Deutschland nur sehr wenige Apotheken gibt, die sich mit dieser beratungsintensiven Therapie auseinandersetzen, mit Cannabis-Blüten beziehungsweise deren Abkömmlingen bevorratet und eine entsprechende Beratung, Herstellung und Versorgung anbieten können. Von 19.000 Apotheken vielleicht maximal 50 Kollegen in ganz Deutschland. Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben haben wir als Apotheke einen sehr hohen zeitlichen und finanziellen Aufwand. Wir müssen jede Lieferung, die in der Apotheke ankommt, nicht nur genau dokumentieren, sondern auch chemisch auf Identität und Reinheit überprüfen. Dies bedeutet eine besondere personelle Organisation. Es müssen immer ausreichende Mengen an Reagenzien vorrätig sein, die Prüf- und Verarbeitungsmethoden müssen oft selbst erarbeitet werden und die Mitarbeiter brauchen spezielle Kenntnisse für die Beratung. Durch diesen ungewöhnlich hohen Aufwand, zusätzlich zu unseren anderen täglichen Aufgaben, ist es für die meisten Apotheken wenig attraktiv, sich mit dem Thema zu befassen.

In welchen Varianten bekommen die Patienten Medizinal-Cannabis?

Meist als reine Blüten, die in einem speziellen Vernebler verdampft werden, als Fertigarzneimittel aus den synthetisch hergestellten Inhaltsstoffen, als Extrakt oder auch als individuell angefertigte Kapseln, Zäpfchen, Vollextrakte oder ölige Tropfen. Das Alter der meisten Patienten liegt zwischen 50 und 59 Jahren. Wir haben aber auch viele ältere Patienten und daher stellen wir als Bezirks-Apotheke oft Vollextrakte aus der Blüte, Kapseln und Zäpfchen her, um dem Arzt und dem Patienten eine Vielzahl an Dosierungs- und Einnahme-Möglichkeiten anzubieten.


Ist medizinisches Cannabis auch für HIV-Patienten geeignet, gerade wenn Sie Medikamente nehmen?

Natürlich, aber immer in Absprache mit dem therapierenden Arzt, da Cannabis andere Arzneimittelwirkungen beeinflussen kann. Bisher wird Medizinal-Cannabis häufig gegen Schlaflosigkeit und Gewichtsverlust bei HIV-Patienten eingesetzt.

Welche Nebenwirkungen kann Cannabis haben?

Medizinal-Cannabis hat recht wenige Nebenwirkungen. Meistens ist nur am Beginn der Therapie mit Nebenwirkungen zu rechnen und die sind oft ein Hinweis auf die falsche Dosierung oder die falsche Blütensorte. Man bezeichnet den Anfang der Therapie auch als Titrationsphase, während der die Patienten in engem Kontakt mit Arzt und Apotheker stehen müssen. Sobald der Patient seine individuelle Dosierung gefunden hat, gibt es praktisch keine Probleme mehr. Anfänglich können Herzrasen, Übelkeit oder Herz-Kreislauf-Probleme auftreten.

Wie hoch ist das Suchtpotenzial?

Im Vergleich zu anderen Medikamenten gibt es noch keine ausreichenden Langzeitstudien. Wir wissen deshalb nicht, wie hoch das Risiko einer Abhängigkeitsentwicklung ist. Wir setzen aber bei vielen Krankheitsbildern auch in klassischen Therapien schon lange Fertigarzneimittel mit hohem Abhängigkeitsrisiko ein, zum Beispiel Schlafmittel, Tilidin oder auch Morphin.

Sind Coffee-Shop-Modelle wie in den Niederlanden auch in Deutschland denkbar? Wie siehst du die Forderung der Legalisierung von Cannabis?

Ich sehe da noch viel Arbeit vor uns. Sei es bei der allgemeinen Legalisierung oder beim medizinischen Cannabis als Therapie. Vor allem müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung leisten. Die Anerkennung dieser Therapieoption steckt noch in den Kinderschuhen und die Stigmatisierung ist weiterhin sehr groß. Ich will mich dafür einsetzen, dass Cannabis nicht nur als „böse Droge“, sondern als wichtige medizinische Therapie wahrgenommen wird. Dazu muss in der Politik und beim Gesetzgeber noch einiges diskutiert und akzeptiert werden. Das wäre auf jeden Fall im Sinne der Patienten, für die Medizinal-Cannabis eine verträglichere oder sogar die letzte Option ist, um ihre Leiden zu mildern.

Autor: Sebastian Ahlefeld

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