Mutige Mode!


Dass Mode - vor allem die Art und Weise, wie man sie benutzt, um seine Persönlichkeit zu zeigen - sich verändert, passiert nicht erst seit diesem Jahrzehnt. Dass es aber immer noch Mut braucht, selbst in Berlin Statements mit seiner Kleidung oder seinem Make-up und Nagellack zu setzen, sollte eigentlich nicht mehr der Fall sein.

Aber warum ist das trotzdem noch so? Warum müssen queere Menschen immer noch ängstlich sein, wenn sie als Mann einen Rock tragen oder lackierte Fingernägel haben? Warum erfordert es immer noch Mut, um bauchfrei im Sommer durch Berlin zu laufen und wieso scheinen solche Dinge so zu provozieren?


Männer in Röcken sind genauso wenig eine neuartige Trend-Erscheinung wie Männer mit Make-up. Schon vor Hunderten von Jahren war Gesichtsbemalung, Puder oder auch schlichter Eyeliner ein fester Bestandteil vieler Kulturen - unabhängig vom Geschlecht des Trägers. Adelige trugen hochhackige Schuhe, um ihren sozialen Status zu beweisen, Vertreter des französischen Königshauses riesige Perücken und Puder im Gesicht, um göttlich zu wirken. Im alten Ägypten war ein grüner Lidstrich aus Ruß und dem fein geriebenen Edelstein Malachit kaum wegzudenken, da dieser eine antiseptische Wirkung hatte und Augenkrankheiten vorbeugen sollte.

Die Frage, die sich durch diese historischen Fakten stellt: Wann hat unsere Gesellschaft festgestellt, dass Männer weder Farbe im Gesicht, noch feminine Kleidung tragen dürfen, ohne Angst davor haben zu müssen, auf offener Straße beleidigt zu werden? Und vor allem: Warum haben Leute ein Problem damit?


Um eine Antwort zu finden, muss man sich wohl oder übel auf die Suche nach den Personen machen, die am meisten Probleme mit solchen Formen der Selbstdarstellung haben. Meist - natürlich nicht ausschließlich - sind dies heterosexuelle Männer, die eine sehr klare und strikte Rollenverteilung verlangen, wenn es darum geht, welches Geschlecht was darf. Ein Mann muss stark sein, den Beschützer spielen und darf auf keinen Fall Schwäche zeigen. Eine Frau muss wiederum Sachen anziehen, die dem Mann gefallen. Aber auch nicht zu sehr, denn sonst gilt sie als Hure.

Ein Mann, der Kleidung trägt, die als feminin gelesen wird, zeigt anhand dieser Theorie also offensichtlich Schwäche. Sehr viele Personen, die so denken, würden Frauen nach wie vor als das schwache Geschlecht beschreiben. Wenn also der Part des binären Systems, der eigentlich stark sein und als Anführer agieren muss, seine feminine Seite freiwillig auslebt, bedeutet das für viele automatisch ein Zeichen von Schwäche. Der Name für dieses Phänomen ist mittlerweile gefunden: Toxische Maskulinität.


Was damit gemeint ist, beschreibt Jack Irwin in seinem Buch „Boys don´t Cry“ so: „Im Englischen wird der Begriff ‚toxic masculinity‘, als eine Form von Männlichkeit definiert, die auf Dominanz und Gewalt basiert und Gefühle nicht zulässt. Es ist ein Problem, wenn Jungs und Männern immer wieder erzählt wird, dass ein ‚richtiger Kerl‘ nicht weine, eine ausschweifende und geradezu animalische Sexualität habe und dass alles, was sich ihm in den Weg stellt, eigenhändig beiseite geräumt werden müsse - ein Problem für Frauen und Männer. Es ist diese Form von Männlichkeit, die wir thematisieren müssen. Dass sie weit verbreitet ist, heißt nicht, dass sie in der ‚Natur‘ von irgendwem liegt.“


Es geht um das Denken, dass nur Männer Rechte haben und Männlichkeit das Wichtigste ist, um seinen Status zu beweisen. Unsicherheit wird nicht toleriert und es sei „ja schon immer so gewesen“. Ein kleiner Blick in die jüngste Vergangenheit zeigt jedoch: Es wird besser.

In Zeiten von Social Media und der schnellen Verbreitung von Bildern im Internet wird selbst jenen Personen, die nicht gerade in einer liberalen Großstadt aufgewachsen sind, schnell klar, dass Männer nicht automatisch einem altmodischen und überholten Rollenbild entsprechen müssen, um erfolgreich zu sein. Durch Aktionen internationaler Stars, Sängern und Schauspielern, die im Internet auch gerne mit Nagellack und Make-up posieren und dafür - nicht nur von der LGBTQ-Community - gefeiert werden, zeigt sich ein kleiner Lichtblick am Horizont.


Schon vor Jahrzehnten  initiiert von Leuten wie David Bowie über Teenie-Idole wie Bill Kaulitz oder zuletzt auch  vom Sänger Harry Styles, haben inzwischen auch immer mehr Hetero-Männer weniger Angst davor, offen zu ihrer femininen Seite zu stehen und sie mit Stolz auszuleben.

Was dabei natürlich nicht vergessen werden darf, ist, dass queere Personen schon immer dafür kämpften, ein solches Bild voranzutreiben. Zu oft wird dieser Verdienst mittlerweile Hetero-Männern zugeschrieben, die teilweise natürlich auch für mediale Aufmerksamkeit das scheinbar noch immer provokante Bild eines feminin angezogenen Mannes für ihre Zwecke nutzen.


Wie lange es noch dauern wird beziehungsweise ob wir jemals stolz mit Rock durch die Straßen marschieren können, ohne Angst zu haben, bleibt offen. Was jedoch heute nahezu weltweit passiert: Immer mehr Leute haben den Mut, zu sich selbst zu stehen und dies auch nach außen zu tragen. Sie laufen in Städten oder auf dem Land herum, wie es ihnen gefällt, unabhängig ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Und genau das brauchen wir: Mutige Leute, die kompromisslos bereit sind, sie selbst zu sein. Für unsere heutige Community, aber auch für alle, die noch kommen werden.

Credits Modestrecke:

Fotograf: Niklas van Schwarzdorn

Models: Tim Rühl, Lennart Schrötz, Robin Solf, Moritz Iden,

Wir danken den Marken GMBH, Tim Rühl, ASOS, Mr.B, Coexist Berlin, Eytys, Body Effenberg Couture, Lasziver, Armani, Choker Vivienne Westwood und Top Iden Studios.

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