Mord an einem schwulen Ex-Pfarrer


Prozessbeginn zum Mordfall an dem schwulen Pfarrer Reinhold Zuber

Als Journalist hat man in der Regel einen großen emotionalen und privaten Abstand zu dem, was man berichtet. Dies ist auch gut so und sehr wichtig, nur so ist Objektivität gewährleistet. Es schützt einen auch selber - gerade wenn es um Gewalt und Mord geht. In diesem Fall bin ich nicht nur Journalist, sondern Nachbar und Zeuge. Daher ist es mir nicht nur ein starkes Bedürfnis, sondern auch eine Pflicht, über diese schreckliche Tat zu berichten.

Es war Samstag, der 4. Juli 2020, ein Tag wie jeder andere. Es war etwas bewölkt und nicht gerade ein Sommertag, wie man ihn sich wünscht. Kein geplantes Treffen mit Freunden am See oder im Café. Durch Corona waren die Beschäftigungsmöglichkeiten sehr begrenzt. Nachdem ich gefrühstückt und mich für die Außenwelt fertiggemacht hatte, habe ich mir meinen Hund geschnappt und bin vor die Tür gegangen. Aus dem Haus raus, drehe ich meinen Kopf nach rechts. Polizei und gerichtsmedizinischer Dienst prägen das Straßenbild. Weiträumig ist mit Absperrband der Eingang des Nachbarhauses abgesperrt. Da es bei uns in der Straße öfters vorkommt, dass Film-Teams ihre Zelte aufschlagen und ich eigentlich in einer unaufgeregten Ecke von Berlin wohne, habe ich mir nichts dabei gedacht - mal wieder ein spektakulärer Film-Dreh eben.

Nach der Runde mit meinem Hund saß ich bei diesem herbstlichen Wetter auf dem Sofa und schaute eine Serie. Plötzlich klingelte es an der Tür und zwei Personen standen vor meiner Wohnungstür und stellten sich als Kriminalbeamte vor. Sie fragten mich, ob ich mitbekommen habe, was draußen los wäre, da im Nachbarhaus ein Verbrechen stattgefunden hätte.


Ich bat sie in meine Wohnung und die beiden Kriminalpolizisten zeigten mir ein Foto von Reinhold Zuber und sagten, dass er Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Es zog mir sofort die Beine weg und ich musste mich erst einmal setzen und durchatmen.

Ich erzählte, was ich von Reinhold Zuber wusste. Ich wusste, dass er schwul war, sich für HIV-Patienten einsetzte und die große wunderbare Seele unserer Straße war. Ein 77-jähriger ehemaliger Pfarrer, der immer gut gelaunt durch unseren Kiez ging. Es gab keinen, der Reinhold Zuber nicht kannte. Sie fragten mich, ob ich auch über sein schwules Privatleben etwas wusste. Ob ich wüsste, ob er bestimmte Lokalitäten im Regenbogenkiez in Schöneberg besucht hatte. Natürlich war er auch in Schöneberg unterwegs, wie fast jeder aus der Community - ob jung oder alt. Die Beamten merkten, dass ich mehr über Reinhold wusste. So ging ich mit auf die Wache, um weitere Fragen ausführlicher zu beantworten.

Als Journalist und Aktivist beschäftige ich mich leider oft auch mit Hassverbrechen gegenüber schwulen Männern. Ich kenne die Vorfälle und die homophobe Kriminalität rund um die Eisenacher Straße und Fuggerstraße in Schöneberg. Zumeist handelt es sich dort um osteuropäische Jungs, die sich als Stricher ausgeben, ältere schwule Männer zu einem Sex-Deal überreden, aber am Ende ihr Opfer ausrauben und sogar zusammenschlagen. 

Reinhold Zuber. Copyright Bild: Berliner Polizei

Zwei Stunden saß ich so den beiden Kriminalbeamten gegenüber und habe zum ersten Mal in meinem Leben dieses polizeiliche Prozedere durchlaufen. Fragen über Fragen, Bilder anschauen, freiwillig DNS und Fingerabdrücke abgeben. Auch andere Nachbarn wurden in den nächsten Wochen zur polizeilichen Befragung eingeladen. Am Sonntag legten ich und andere Nachbarn Blumen vor seinem Fenster in der ersten Etage nieder. Ein Fenster, an dem er früher selbst zu Todestagen von prominenten Künstlern Bilder aufgeklebt hatte. Sichtbar für alle, die vorbeigingen.

In der Woche darauf lauerte so mancher Boulevard-Journalist in unserer Straße und fing die Menschen ab. Ein Journalist wollte kurzerhand auch mich befragen: Fragen nach seiner Homosexualität, ob er regelmäßig junge Stricher bei sich gehabt hätte und weitere geschmacklose Dinge. Fragen, die man bei einem heterosexuellen Mordopfer so wohl nie gefragt hätte. Von meiner Seite her blieben diese Fragen unbeantwortet, aber meine Ansage an den Kollegen war umso deutlicher.

Reinhold Zubers Fenster für verstorbene Prominente. © privat

Nun sind neun Monate vergangen. Mittlerweile wird die Wohnung und damit der Tatort von Handwerkern kernsaniert. Die Möbel wurden schon vor Wochen abgeholt. Am 8. April 2021, startete nun am Strafgericht der Prozess gegen zwei der drei mutmaßlichen Täter - dabei handelt es sich um zwei Rumänen im Alter von 21 und 24 Jahren. Ihnen werden Mord, Habgier, Verdeckungsabsichten und Raub mit Todesfolge vorgeworfen. Laut den Ermittlungsakten soll der 24-jährige mutmaßliche Täter eine „sexuelle Beziehung“ zum Opfer gehabt haben. Beide angeklagten, mutmaßlichen Täter und noch ein weiterer, noch unbekannter Täter sollen die Wohnung nach Wertgegenständen durchsucht haben, dabei hat Reinhold Zuber sie anscheinend ertappt und die Männer sollen daraufhin ihr 77-jähriges Opfer verprügelt haben. Als Tathergang wird angenommen, dass Reinhold um Hilfe rufen wollte. Um dies zu verhindern, soll der 21-jährige Angeklagte schließlich ein Kissen auf sein Gesicht gedrückt haben, bis Reinhold tot war. Nach dem Mord setzten sich die drei mutmaßlichen Täter nach Rumänien ab.

Durch eine sehr umfangreiche Ermittlung der Berliner Kriminalpolizei mit Zeugen-Aufrufen über Medien und mithilfe von Plakaten konnten die beiden mutmaßlichen Täter durch die Unterstützung rumänischer Sicherheitsbehörden im August und September 2020 gefasst und nach Deutschland ausgeliefert werden. Im Januar 2021 stellte die Generalstaatsanwaltschaft Berlin Anklage. Das Strafgericht Berlin hat jetzt einen Prozesszeitraum bis zum 24. Juni 2021 angesetzt. Die beiden mutmaßlichen Täter müssen bei einer Verurteilung mit einer Strafe von mindestens zehn Jahren bis zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe rechnen.

Für Familienangehörige, Freunde und Nachbarn beginnt eine zermürbende Zeit, allein schon deshalb, weil der Prozess wohl Details der Tat hervorheben und die letzten grausamen Minuten seines Lebens skizzieren wird. Hoffen wir, dass es zu einem gerechten Urteil kommen wird. Reinhold war Zeit seines Lebens ein sehr gläubiger Mensch und so bleibt für mich die Hoffnung bestehen, dass er nach diesem Prozess endlich seinen Frieden finden darf.    

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