Lust auf ein neues Leben?


Ich freue mich. So richtig. Ich freue mich auf frische Kürbissuppen, auf überraschend warme Sonnenstrahlen im Herbst, auf einen unerwarteten Regenschauer, der all das Stöhnen, den Staub und das Säuseln der Jammernden mit sich nimmt und es in den Ritzen und Löchern der Kanaldeckel verschwinden lässt.

Natürlich, ihr habt recht, es ist noch ein paar Tage hin, bis der Herbst wirklich an unsere Fenster klopft, noch kämpft die Sonne um Aufmerksamkeit und nackte Oberkörper. Doch dann, wenn in diesem Monat Stück für Stück die Männer plötzlich wieder so anschmiegsam werden, dann endlich kommt die dritte Jahreszeit. Und es macht wieder Spaß, schweißfrei Männer zu erkunden, zu entpacken und mit den Lippen abzulecken.

Die Jungs schmiegen sich an uns und tragen in sich noch die Wärme des Sommers. Was will man mehr? Aber ich freue mich noch aus einem ganz anderen Grund: Es ist Zeit für eine Veränderung, für eine Fokussierung auf das Wichtige, für neue Wege und neue Begegnungen. Und für ein neues Denken. Anstatt müde und lethargisch die zweite Covid-19-Welle herbei zu fürchten, sollten wir uns dem Hier und Jetzt stellen.

© Helix Studios

Im Frühling waren wir eingesperrt in unseren Wohnungen und Häusern, wurden kreativ, wenn es um Kunst, fettes Essen und neue Wege der Masturbation ging. Im Sommer rebellierten wir, wollten endlich wieder auf die Straßen, in die Parks, in die Clubs. Küssen, spüren, gemeinsam schwitzen, Lust und Ekstase zelebrieren. Wir leben noch. Wir waren vernünftig. Wir waren unvernünftig. Wir feierten heimlich, wir feierten laut hörbar. Wir haben den Stolz unserer Community trotz der Beschränkungen in die Welt  hinausgetragen. Und wir haben gemerkt, dieser Virus und all das, was er mit unserem Leben gemacht hat, das verschwindet vorerst einmal nicht. Die großen Clubs werden wahrscheinlich weiterhin geschlossen bleiben. Und es bleibt zu hoffen, dass endlich alle begreifen, dass Kreative und Künstler nicht ein nettes Add-On in unserem Leben sind, sondern das Knochenmark unseres Daseins. Wir brauchen sie, um zu überleben.

Wir sitzen jetzt in Bars und Restaurants zusammen – auf Abstand. Und in uns zerrt es, zwei Gegenpole stoßen sich ab. Die Vorsicht ermahnt uns, besonnen vorzugehen. Die Lebensfreude dagegen will feiern, jetzt erst recht – das Leben, den Sex, den nächsten Orgasmus oder einfach den Tag, der plötzlich nur wegen einer einstmals unwichtigen Kleinigkeit jetzt besonders geworden ist. Das lässt uns manchmal euphorisch das Glück des Moments besingen, ein anderes Mal drückt es uns nach unten, wir fühlen uns verloren. Denn wir wissen, dass wir nichts wissen. Keiner kann wirklich sagen, wie dieses Jahr weitergehen wird. Oder 2021. Oder wann vielleicht und ob überhaupt ein Impfstoff entwickelt wird. Wie wir arbeiten, leben, feiern werden – oder auch nicht. Jetzt ist das passiert, was wir früher kindlich naiv in Poesiealben geschrieben haben und uns heute als Instagram-Bildchen zuschicken: Carpe diem. Nutze den Tag. Man weiß nie, was morgen kommt. Lebe das Jetzt.


Das waren bis vor einigen Monaten nette Sprüche, nicht weniger wahr als heute, doch irgendwie nickten wir oft nur und liefen dann weiter in unserem Hamstertag aus Alltag und dem ganz normalen Lebenswahnsinn. Jetzt aber plötzlich stimmt das alles zu einhundert Prozent: Wir können nicht planen, weg ist die vermeintliche Sicherheit, wir fallen. Das kann uns zu schaffen machen, oder? Aber vielleicht fallen wir gar nicht wirklich, vielleicht fliegen wir einfach nur? Vielleicht können wir diese Zeit genießen. Zeit ist im Übrigen das richtige Wort.

Im Frühjahr haben wir noch geglaubt, all das ist eine Sache von ein paar Wochen und dann machen wir weiter wie zuvor. Buchen den nächsten Kurztrip in eine Stadt oder fliegen an einen warmen Strand, wo die Kerle nackt und gut bestückt sind, während sich ihre Schweißperlen in ihren Brusthaaren verfangen. Doch wir haben es hier nicht mit einer kurzen Pause unseres Lebens zu tun, wir erleben eine neue Zeit.

Und jetzt?

Es ist leicht, etwas Neuem mit Argwohn, Niedergeschlagenheit oder Abkehr zu begegnen. Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, zumeist Gewohnheitstiere. Eine gewisse Form von Alltag schafft in unserem Leben Struktur und damit das Gefühl von Sicherheit. Auch der wöchentliche Clubbesuch war ein solcher Eckpfeiler für uns. Oder das Treffen der Freunde am Wochenende. Oder, oder, oder. Jetzt, Männer, steht der Herbst vor der Tür und wir müssen anfangen, mutig zu sein. So richtig! Mutig für uns, mutig für all jene Menschen, die uns wichtig sind. Bevor wir an den vermeintlich grauen Frühwintertagen in eine erste schnuckelige Depression verfallen, gilt es, jetzt die Weichen für ein neues Leben zu stellen. Für neue Kontakte, neue Beziehungen, eine Neuausrichtung. Wenn ihr euch zurückerinnert, habt ihr alle schon einmal Punkte in eurem Leben gehabt, die euch haben wanken lassen. Jetzt braucht ihr stärker als zuvor die Zuversicht wie damals, den Glauben an euch selbst.

© Helix Studios

Also, Schluss mit dem Säuseln, mit dem Stöhnen, dem Jammern, dem Nachweinen. Da entsteht gerade etwas Neues und das ist spannend. Was ihr aus eurem alten Leben behalten könnt, nehmt ihr mit. Das sind eure Schätze, ganz gleich, ob es der Mann an eurer Seite, der Lieblingshamster Fred oder das Telefonbuch mit den zehn besten Liebhabern eures Lebens ist. Alles andere lasst los und nutzt die Unwissenheit, was die Zukunft bringt, für Neugierde und Entdeckerlust. Vielleicht krempelt ihr euer Leben noch einmal komplett um? Oder ihr verändert Kleinigkeiten. Vielleicht schmiedet ihr Pläne oder macht einen ersten Schritt, euch zu verändern – ob im Beruf, im Privatleben oder im Freundeskreis.

Ja, dieser Virus hat alles einmal auf Null gestellt, aber er hat uns auch gezeigt, was für uns alle wichtig ist, wer wichtig ist und was jedem Einzelnen ganz privat wichtig ist. Er hat uns gezeigt, wie schnell sich alles wirklich ändern kann, dass nichts selbstverständlich ist und wie sehr wir all das genießen und schätzen sollten, was wir haben. Und er hat uns mit Mut und Neugierde befeuert, denn irgendwie wird es weitergehen. Wir haben es jetzt in der Hand, wie spannend, aufregend, interessant, geil und sexy das werden kann. Und vielleicht können wir uns dieses eine bewahren – die Erkenntnis, wie besonders unser Leben ist und wie viel Wunderbares darin passiert.

Fernab von Kalendersprüchen können wir es dann vielleicht schaffen, unser Leben wesentlich intensiver zu genießen. Egal, ob wir leidenschaftlich Sex haben, den schönsten Kerl der Welt bewundern oder uns einfach nur auf eine köstliche Kürbissuppe freuen. Alles wird ein Stück weit besser sein in dieser Welt voll von neuen Dingen. Klingt das nicht aufregend? Der Schauspieler Harrison Ford hat einmal gesagt: „Große Veränderungen in unserem Leben können eine zweite Chance sein.“ Der Mann war drei Mal verheiratet, überlebte einen Flugzeugabsturz und dreht gerade mit fast achtzig Jahren den fünften Teil einer berühmten Abenteuerserie. Wenn Harrison Ford das also sagt, dann können wir ihm wirklich glauben. Wer will schon ernsthaft Indiana Jones widersprechen?  

Autor: Michael Soze

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