Aids und Covid19 - welche Forschung ist wichtiger?


Im Oktober 2019 verkündete der amtierende US-Präsident Donald Trump, die Welt sei „von AIDS befreit“. Eine ebenso hoffnungsfrohe wie steile These, die mich als Langzeit-Positiven und Aufklärungsfetischisten doch einigermaßen aufhorchen ließ. Schließlich war die Weltbefreiung jener seit vierzig Jahren tobenden Pandemie mit bislang offiziell über fünfzig Millionen Todesopfern (angesichts der Dunkelziffer dürfen wir getrost noch eine Null dranhängen) völlig an mir vorübergegangen.

Aber wenn der Führer der westlichen Welt eine solche Aussage trifft, wer möchte ihm da widersprechen? Immerhin der gleiche Herr, der beim Ausbruch der aktuellen Corona-Pandemie verlauten ließ: „Es ist wie die normale Grippe, gegen die wir Impfungen haben. Und im Prinzip werden wir dafür ziemlich schnell eine Grippeimpfung bekommen!“

US-Präsidenten teilen in Bezug auf Pandemien eine eigenartige Vor-Verstellung. So verlautbarte seinerzeit Trumps großes Vorbild, der einstige B-Western-Darsteller Ronald Reagan, AIDS sei „die Rache der Natur an den Schwulen.“ Nun, eine wissenschaftliche Analyse der sich ausbreitenden Seuche kam zu einem anderen, fundierten Ergebnis.

Das kann man natürlich trotzdem anfechten, vor allem, wenn man Anhänger des Kreationismus ist, der besagt, dass der Allmächtige die Welt in sieben Tagen erschuf und wir müssen nichts weiter tun, als Altäre abzulecken, um uns vor allem drohenden Unbill zu schützen. Wenn es denn so einfach wäre.


Seit Mitte März herrschte nun ein weltweiter Lockdown, im Zuge dessen teilweise Grundrechte selbst demokratischer Staaten wie Deutschland außer Kraft gesetzt wurden. Es wurde gemahnt und gewarnt und der Slogan „Gesundheit geht vor!“ an die Wand gesprüht. Wobei man bei dem hehren Motto offenkundig zum Beispiel die fleischverarbeitende Industrie vergaß, die uns mit explodierenden Infektionszahlen unter ihren in Baracken untergebrachten Zwangsarbeitern beglückt. Ebenso wurde bei der Abriegelung unseres Landes nicht auf die 12.000 eingeflogenen Erntehelfer verzichtet, die des Deutschen Grundrecht auf seinen Spargel auf dem Mittagstisch garantierten.

Wiederholt sich die Geschichte?

Diese ganze Praxis ruft, mit Verlaub, meine Erinnerung an den Beginn der AIDS-Pandemie auf den Plan. Franz Josef Strauß Ankündigung eines „europäischen Hygienekreises“, wo man sich mit einem Maßnahmenkatalog hervortat, der Zwangstests, Berufsverbot und Ausweisung beinhaltete. HIV-Positive sollten nicht mehr ins Land gelassen, Ansteckungsverdächtige nach Hinweisen aus der Bevölkerung den Behörden vorgeführt werden. Der MDB Horst Seehofer griff eine bewährte Idee auf, man solle die Betroffenen in speziellen Heimen konzentrieren, während Kultusminister Hans Zehetmayer AIDS als Symptom einer maroden Gesellschaft identifizierte, deren Randgruppen nun in ihrer Entartung ausgedünnt werden müssten. COVID-19-Vorreiter Bayern verkehrte seinerzeit AIDS-Opfer in AIDS-Täter.

Wieso nun dieser Ausflug in die Geschichte? Weil mich die Aussage, wir seien mit dem Ausbruch einer Pandemie mit etwas völlig Neuem überrascht worden, einigermaßen verblüfft. Man denke an die Hongkong-Grippe Ende der 1960er Jahre mit über vierzig Millionen Toten oder eben an AIDS. Noch heute gibt es Menschen da draußen, die hier keinen Zusammenhang sehen wollen, denn AIDS, das sei ja immer noch nur eine Schwulenpest. Echt jetzt – vierzig Jahre danach?


Während viele von uns damals krepiert sind, werden heute Milliarden Euro in die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19 gepumpt. Während wir starben wie die Fliegen, haben sich die Politik und weite Teile der Gesellschaft zwanzig Jahre Zeit gelassen, eine medikamentöse Behandlung zu entwickeln, die effektiv ist – und dies auch bloß auf Druck repräsentativer Künstler, Ärzte und visionärer Politiker. Vielen war AIDS immer schon egal, weil sie dachten, es trifft ja nur die Schwulen, die Junkies, die Nutten - die Richtigen eben. Erst als AIDS in die Mitte der Gesellschaft vorrückte, wurde endlich reagiert. 1982 noch antwortete der Reagan-Sprecher auf die Frage nach der AIDS-Plage heiter und sagte: „I don't have it. Do you?“

Sie lieĂźen uns krepieren, ĂĽber zwanzig Jahre lang, und sprechen uns unterdes auch heute noch stellenweise den Status der Pandemie ab. Jetzt, nach dem Ausbruch von Covid-19, darf eine gesamte Gesellschaft das erleben, was wir seit vierzig Jahren durchmachen. Es brauchte zwanzig Jahre, gegen AIDS eine Therapie zu entwickeln. Nach vier Jahrzehnten verfĂĽgen wir aber noch immer ĂĽber keinen Impfstoff, während derzeit alle Forschungslabore der Welt auf Maximalgeschwindigkeit umgeschaltet haben, um Corona zu besiegen. Es gilt, die Weltwirtschaft zu retten.  

Ich will nicht missverstanden werden – beide Pandemien sind Tragödien, die vielen Menschen das Leben kosten. Das ist traurig und schade. Aber stellen wir uns einmal vor, es hätte bereits zu Beginn von AIDS eine ähnlich empathische Reaktion gegeben, es wären sogleich die Milliarden geflossen - wie viele Leben hätten gerettet werden können? Wäre da nicht schon viel früher ein Pandemie-Schutzschild entstanden, das völlig andere Frühwarnsysteme, Ressourcen und Versorgungsmechanismen ermöglicht hätte? Klar – hätte, hätte, Fahrradkette.

Doch wir müssen uns die Frage gefallen lassen, inwieweit man Pandemien, deren Auftreten sich zukünftig in der Globalisierung höchstwahrscheinlich häufen werden, moralisch bewertet wie einst AIDS oder als gesamtgesellschaftliche Bedrohung ernstnimmt, egal welche Menschengruppen davon betroffen sind. Der aktuelle Virus macht vor niemanden Halt und verändert sich, sobald man ihn bekämpft. Vielleicht ist er – in esoterischer Hinsicht – die Rache der Natur an ihrem größten Vernichter. Wie dem auch sei, das Ungleichgewicht in der Beurteilung der verschiedenen Pandemien lässt tief in das schwarze Herz der Menschheit blicken. Eine Schwärze, die uns viel über unsere Moral erzählt.


 Autor: Daniel Call

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