Was wollen wir eigentlich noch?


Ein schwuler Bekannter meinte neulich etwas amĂŒsiert zu mir, was fĂŒr ein Aufheben die Gay-Community bis heute um ihre Gleichberechtigung doch mache. Ganz so, als können einige von uns ihre Bissreflexe nicht einstellen, obwohl der Kampf doch lĂ€ngst gewonnen ist. Ehe fĂŒr alle, Kinderadoption - was soll da noch kommen? Ein schwuler Feiertag vielleicht?

Doch selbst den haben wir doch lĂ€ngst - im Mai gibt es den internationalen Tag gegen Homophobie und im Dezember ist Weltaidstag. Jahr fĂŒr Jahr feiern Millionen Menschen bunt gemischt die großen Pride-Paraden. Auch wenn es dieses Jahr dank des Corona-Virus diesbezĂŒglich sehr mager aussieht, so ist schwules Leben doch ĂŒberall prĂ€sent. Manche wĂŒrden sagen: omniprĂ€sent.  

Also, was wollen wir eigentlich noch? So oder so Ă€hnliche Aussagen kenne ich bereits mein ganzes Leben lang. Auch zu Zeiten, als HomosexualitĂ€t noch weit weg von jeder rechtlichen Gleichstellung war, sagte man mir gerne direkt ins Gesicht: „Aber im Vergleich zu anderen LĂ€ndern geht es den Schwulen doch gut hier in Deutschland. Immerhin will euch keiner ins GefĂ€ngnis werfen oder steinigen. Ihr habt doch sogar eure eigenen Viertel von MĂŒnchen bis Berlin, von Köln bis Hamburg. Also, was wollt ihr eigentlich noch?“

© Cockyboys

Ist es also wahr? Sind wir Menschen jenseits der heterosexuellen Mehrheit einfach nie zufrieden? Sehen wir Feinde, wo keine sind? In meiner Jugend gab es noch klare Feindbilder - das waren bestimmte Parteien, Politiker, religiöse Fanatiker oder ganz normale DurchschnittsbĂŒrger, die mit den „sexsĂŒchtigen Perversen“ einfach nur nichts zu tun haben wollten. Jedem schwulen Mann und jeder lesbischen Frau war klar, was im Argen lag. Heute dagegen scheinen unsere Feindbilder weit weg und mit leicht ĂŒberheblicher Miene blicken wir nach Polen, in die TĂŒrkei, nach Italien, Brasilien oder Ungarn, wo Homosexuelle verbaler und körperlicher Tyrannei ausgesetzt sind.

Das GefĂ€hrliche daran ist zum einen die Engstirnigkeit in dem gefassten Gedanken, dass die Lebenswelten anderer schwuler MĂ€nner in anderen LĂ€ndern fern und weit weg wĂ€ren - uns also somit nicht direkt betreffen. Das ist ein Trugschluss, denn was in anderen LĂ€ndern gerade passiert, ist der feuchte Traum von immer mehr konservativen und rechten Politikern, die stammtischtauglich doch „nur mal sagen wollen“. Doch viel schwerer wiegt zum anderen eine hausgemachte Problematik: Wenn Homosexuelle selbst nicht mehr erkennen, wie es wirklich um ihre Rechte und ihre Stellung in der Gesellschaft bestellt ist, wie können sie dann aktiv ĂŒberhaupt noch an einer Verbesserung mitwirken? Wer die Gefahr nicht sieht, kann nicht rechtzeitig reagieren.

Und die Gefahr ist allgegenwĂ€rtig - selbst das Argument, dass innerhalb unserer Lebensblasen wie Berlin doch alles noch in Ordnung sei, greift nicht mehr. In der Landeshauptstadt wurden im letzten Jahr so viele Angriffe gegenĂŒber LGBTQ-Menschen verzeichnet wie noch nie zuvor. Innerhalb eines Jahres stieg die Quote um 32 Prozent an - das sind rund 560 FĂ€lle. Nur in Berlin! Die Dunkelziffer wird dabei noch wesentlich höher eingeschĂ€tzt, so das Berliner Anti-Gewalt-Projekt Maneo. Die Zahlen decken sich mit dem deutschlandweiten Trend, demnach auch hier die Übergriffe um rund ein Drittel zugenommen haben.


Aber was wollen wir eigentlich noch? Diese Frage tut weh, weil sie die LebensrealitĂ€t Homosexueller nicht ernst nimmt. Umso schmerzhafter, wenn solche Worte von schwulen und lesbischen Menschen selbst ausgesprochen werden. Ist es einfache NaivitĂ€t, schlichte Dummheit oder pure Ignoranz, die einen das zufĂ€llige GlĂŒck der eigenen Unversehrtheit als allgemeinen Standard interpretieren lĂ€sst? Wollen oder können wir nicht sehen, wie es um unsere Community bestellt ist?

Oder lassen wir uns blenden von den statistischen Zahlen, die uns scheinbar eine weltoffene Gesellschaft aufzeigen? Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat in einer reprĂ€sentativen Studie belegt, dass 95 Prozent der Deutschen dafĂŒr sind, Homosexuelle per Gesetz vor Diskriminierung zu schĂŒtzen. Über 80 Prozent finden sogar die gleichgeschlechtliche Ehe inzwischen vollkommen in Ordnung. Also, was wollen wir eigentlich noch? Gut, in der gleichen Studie sagen auch ĂŒber 80 Prozent der Deutschen aus, dass sie sich sicher sind, dass Homosexuelle noch immer ungleich behandelt und herabgewĂŒrdigt werden.

Doch ein anderer Aspekt sollte uns vielmehr zum Nachdenken animieren: Rund 40 Prozent der Befragten finden es unangenehm, wenn sie zwei kĂŒssende MĂ€nner auf der Straße sehen. Und beinahe die HĂ€lfte aller Deutschen ist der Meinung, dass Homosexuelle zu viel Wirbel um ihre SexualitĂ€t machen und endlich damit aufhören sollten. Die Leiterin der Studie, Beate KĂŒpper, stellte nĂŒchtern fest, dass zwar die klassische Form der Homophobie selten geworden sei, doch in neuem Gewand kommt der Hass und die Ablehnung von Schwulen und Lesben wieder um die Ecke.


Blickt man ins Detail, zeigen sich die alten Strukturen: Je jĂŒnger desto mehr wird HomosexualitĂ€t akzeptiert. Je bildungsferner, desto schwieriger wird die Lage. Oftmals herrschen auch schlichte BerĂŒhrungsĂ€ngste bei Menschen vor, die in ihrem Leben kaum oder keinen Kontakt zu Homosexuellen haben. Durch das Wegfallen der großen Pride-Paraden in diesem Jahr in ganz Europa besteht zudem die Gefahr, dass homosexuelle Lebenswelten weniger sichtbar werden. Ein erster Schritt zurĂŒck zu einer Form von Diskriminierung, die sich rechte Parteien wie die AfD wĂŒnschen.

Das Perfide an der neuen Form der Homphobie ist die simple Tatsache, dass sie weniger offensichtlich zu Tage tritt. Es scheint kaum mehr ein Widerspruch zu sein, wenn eine lesbische Politikerin sich gegen die Gleichstellung von Homosexuellen einsetzt. Oder in anderer Runde wieder ganz unverhohlen darĂŒber diskutiert wird, dass schwule, unangepasste Menschen von der „femininen Klischee-Tunte“ bis zum „sexpositiven“ SzenegĂ€nger doch nur das gesamtgesellschaftliche Bild von uns Homosexuellen nachhaltig negativ herabsetzen wĂŒrden.

Wenn wir selbst damit fortfahren, uns innerhalb der Community zu erniedrigen und bestenfalls nur zu tolerieren, schĂŒtten wir Wasser auf die MĂŒhlen all der hasserfĂŒllten Homophoben in Europa. Mehr noch, wir festigen das Bild des Homosexuellen, der sich nicht so anstellen soll, man habe doch schließlich alles erreicht. Wir gehen freiwillig in eine Ecke, aus der jede neue Bewegung hin zu gesellschaftlicher Akzeptanz sehr viel schwieriger wird.


Und genau das wollen wir: Akzeptanz! Nicht Toleranz. Wer andere Lebenswelten toleriert, der erduldet, ertrĂ€gt sie nur scheinbar nachsichtig - immer in der Gewissheit, dass es sich um eine nicht gleichwertige Position handelt. WofĂŒr wir uns stark machen mĂŒssen, innerhalb wie außerhalb der Community, ist wirkliche Akzeptanz.

Eine Akzeptanz, die auf Freiwilligkeit beruht und ein zustimmendes Werturteil ist, das auf dem simplen Fakt beruht, dass sich zwei Parteien gleichwertig auf Augenhöhe gegenĂŒberstehen. In einem Jahr ohne CSDs ist dieser Einsatz wichtiger denn je. Also, was wollen wir eigentlich noch? Ich wĂŒrde sagen: Verdammt viel! Legen wir los, MĂ€nner!

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Autor: Michael Soze

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