Arbeitlos dank Corona? Und jetzt?


Das ifo-Institut rechnet mit einer Arbeitslosenquote in Deutschland von circa sechs Prozent für die erste Jahreshälfte 2021. Eine Prognose, die sich im Laufe des Jahres durchaus noch steigern könnte. Für einige Regionen wie beispielsweise Berlin erwarten Experten eine Arbeitslosenquote von über 12 Prozent. 2021 ist also ein Jahr, in dem wir zwar langsam aufatmen können, weil es durch den Impfstoff einen Lichtblick hin zu einer Normalität gibt. Aber in diesem und im kommenden Jahr werden wir wohl auch mit den wirtschaftlichen Folgen der politischen Entscheidungen während der Corona-Pandemie kämpfen müssen.

Hier wird es sich zeigen, ob die angekündigten Wirtschaftshilfen der Bundesregierung und der Länder bei den Unternehmen wirklich so angekommen sind, dass diese überleben können. Trotzdem wird Deutschland wahrscheinlich mit vier bis fünf Prozent Wirtschaftswachstum rechnen können – ein Grund zum Feiern ist das allerdings noch nicht in Anbetracht von zahlreicher Shutdowns und einem beinahe einjährigen Gewerbeverbot für viele Branchen wie beispielsweise der Kultursektor. 2020 ist das erste Jahr nach dem zweiten Weltkrieg mit einem negativen Wirtschaftswachstum.

Was die Politik nicht gerne sagt

Nun steuern wir auf die nächsten Wellen zu. Auf eine Pleitewelle und eine Arbeitslosenwelle. Eigentlich surfen wir schon längst auf diesen Wellen, nur sind diese aktuell noch klein und durch politische Tricks kaum zu spüren. Klarer äußern sich dazu Finanzunternehmen oder Kreditversicherer wie zum Beispiel Euler Hermes: Die Firma hat schon im Herbst 2020 global ein Plus bei den Pleiten in Höhe von 35 Prozent prognostiziert. Für Deutschland rechnen die Volkswirte der Allianz-Tochter für 2020 und 2021 insgesamt mit mindestens zwölf Prozent mehr Konkursen als noch 2019.

In konkreten Zahlen sollen die Pleiten hierzulande in diesem Jahr dann auf etwa 24.000 Fälle (2020: 16.400 Fälle) hochschnellen. Auch hier wird es regionale Unterschiede geben. Berlin ist heute schon auf Platz zwei der meisten Insolvenzen und wird wohl den Rekord von 20 Prozent erreichen. Dabei wird es vor allem Branchen betreffen, in denen viele Menschen aus der LGBTQ Community arbeiten (MyGay berichtete): Hotel und Gastronomie, Einzelhandel- und Dienstleistungsgewerbe sowie die Kultur- und Eventbranche mit ihren Clubs und Tanzlokalen. Der massive Anstieg von Insolvenzen gerade in der Hauptstadt ist der Tatsache geschuldet, dass Berlin seine wirtschaftlichen Säulen auf Branchen aufgebaut hat, die seit Beginn der Corona-Pandemie die Leidtragenden sind. Berlin lebt unter anderem stark von Tourismus, der Kreativ- und Kulturwirtschaft sowie der Messe- und Kongresswirtschaft und hat kaum Großindustrie.

Deutschland liegt im Vergleich zu einigen wichtigen Wirtschaftspartnern relativ gut da: Brasilien (plus 32 Prozent) und China (plus 21 Prozent) müssen mit dem Ruin zahlreicher Unternehmen rechnen. In Europa rutschen in Portugal (plus 30 Prozent), den Niederlanden (plus 29 Prozent), Spanien (plus 20 Prozent) und Italien (plus 18 Prozent) besonders viele Firmen in die Zahlungsunfähigkeit. Deren wirtschaftliches Abschneiden hat aber auch große Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und damit auf viele Arbeitsplätze.


Da die Bundesregierung mit einem gesetzlichen Taschenspielertrick die Insolvenzen von 2020 nach 2021 übertragen hat, wird 2021 ein Jahr der finanziellen Schicksale. Dies beruht auf der Hoffnung, dass die gebeutelten Unternehmen mithilfe der finanziellen Unterstützungen über die Runden kommen werden. Mit der Verlängerung des Runterfahrens der Wirtschaft und der Tatsache, dass bei vielen Unternehmen die beschlossenen Hilfen sehr schleppend oder gar nicht ankommen, wird es wohl in den nächsten Monaten die erste große Konkurs-Welle geben und kurz darauf folgt automatisch ein massiver Anstieg der Arbeitslosenzahlen.

Die Unternehmen, die weiterhin überleben, sind zurückhaltend. Zurückhaltend in der Neueinstellung von Mitarbeitern und mit der Ausschüttung wichtiger Investitionen. Zudem müssen viele Unternehmen trotz der finanziellen Hilfen und der Aufnahme von Krediten ein Teil des Personals entlassen, um überleben zu können. Somit müssen sich Arbeitnehmer aber auch ehemalige Arbeitgeber auf eine harte Zeit einrichten. Von Seiten der Politik ist in den meisten Fällen gerade für Menschen aus der Kreativwirtschaft bis heute wenig zu erwarten – abseits von netten Solidaritätsbekundungen. Vielleicht einfach noch einmal eine Runde Klatschen am Balkon für alle?  

Was können LGBTQs jetzt tun?

Viele Menschen, die seit Beginn der Pandemie ein Berufsverbot auferlegt bekommen haben, haben es schon vorgemacht. Sie haben nach Alternativen gesucht. Die Drag-Künstlerin und DJ Fixie Fate beispielsweise darf seit fast einem Jahr nicht mehr am DJ-Pult stehen und arbeitet stattdessen im Versandhandel. Drag-Ikone Gloria Viagra zeigt seit über 20 Jahren ihre Schokoladenseite auf den Bühnen der Welt, aber nun verkauft sie Schokolade bei Lindt. Alternativen, die zwar nicht das Gelbe vom Ei sind, aber einen über die Runden helfen. In Zeiten wie diesen muss man über seinen eigenen Schatten springen und Angebote annehmen, die erst einmal nicht glücklich machen, aber die Miete zahlen. Eine Alternative ist zum Beispiel auch, sich bei einer Zeitarbeiterfirma anzumelden. Jurgen Daenens ist Geschäftsführer bei der Brillant Management und Beteiligungs GmbH. Als Leiharbeiterfirma vermitteln sie 3500 Personen an verschiedenste Firmen.

Jurgen Daenens, Brillant Management und Beteiligungs GmbH

Jurgen, für wen macht eine Zeitarbeiterfirma Sinn?

In der Zeitarbeit oder auch Leiharbeit gibt es Berufe wie Software-Entwickler oder Ingenieure. Aber natürlich auch viele ungelernte Berufe wie die Arbeit in einem Warenlager. Als Arbeitnehmer eine Zeitarbeiterfirma anzusprechen, ist nicht so verkehrt, gerade wenn ich in der aktuellen Situation meinen Beruf nicht ausüben kann und flexibel sein will. Es ist aber auch interessant, wenn ich mich beruflich umorientieren möchte.

Wie schätzt du den Arbeitsmarkt für 2021 ein?

Es wird schwierig und wir merken, dass viele Unternehmen sich Gedanken darüber machen, ob sie weiterhin so viel Personal brauchen, um die Arbeit zu erledigen. Sie merken, dass sehr viel Verwaltung überflüssig ist und gerade bei den Themen Digitalisierung und flexible Arbeitnehmer haben wir einen veränderten Arbeitsmarkt. Man muss als Unternehmer flexibler werden.

Wie schätzt du die Situation in Berlin ein, wo wir mit einer starken Kreativ- und Kulturwirtschaft eine besondere Situation haben?

Auch in meinem Freundeskreis habe ich viele Betroffene und da muss man sich fragen, ob das, was man gerade macht, auch zukunftsweisend ist. Einige Branchen werden 2021 noch nicht so schnell wieder auf die Beine kommen. Da sollte man sich selber fragen, was kann ich alles und welche Talente habe ich noch.


Wie groß ist aktuell die Chance, in fachfremde Berufe zu kommen, wenn ich viele Jahre in meinem Beruf zum Beispiel als Künstler gearbeitet habe?

Wir haben gerade viele gut ausgebildete Leute auf dem Arbeitsmarkt, die auch gerne arbeiten wollen. Wenn man arbeiten will, dann findet man was, auch wenn man über den eigenen Schatten springen muss.

 Wozu muss ein Arbeitnehmer bereit sein, um in dieser schweren Zeit wieder in Arbeit zu kommen?

Wie flexibel bin ich? Man muss als Arbeitnehmer den Arbeitgeber verstehen und sehen, dass in der aktuellen Zeit vieles nicht geht, wie man sich das als Arbeitnehmer vorstellt. Man braucht viel Geduld mit seinem Arbeitgeber. Ich erwarte viele Insolvenzen und viele Arbeitnehmer wollen flexibler werden. Dies sehen wir als Zeitarbeiterfirma sehr stark. Man sollte jetzt suchen, denn je mehr es in das Jahr geht, umso schwieriger wird es, um in Arbeit zu kommen.

Wenn ich jetzt meinen Job verliere, wie gehe ich damit um?

Es ist nicht schlimm, wenn man in Corona-Zeiten seine Arbeit verliert. Man braucht sich nicht schämen. Ich würde mich bei der Arbeitsagentur listen und in die Datenbank aufnehmen lassen. Wir als Zeitarbeiterfirma suchen auch über das Portal der Arbeitsagentur, schalten aber auch in den klassischen Portalen wie StepStone und Monster. Es ist immer wichtig, dass eine gute Bewerbung verschickt wird. Zudem ist auch wichtig, dass man nicht zu oft nachfragt. Oft hat es einen Grund, warum man keine Rückmeldung bekommt. Leider ist es oft eine Absage. Auch wenn es wünschenswert ist, dass ein Unternehmen auch Absagen verschickt, ist es leider nicht immer so. Aber vorschnell zu drängen, bringt in der Regel nichts.  

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