Andy Warhol und die Liebe


Was er war, wollen viele junge Influencer heute sein – Jemand, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ein Mensch, der Mitbegründer einer komplett neuen Kunstrichtung geworden ist: der Pop Art. Heutzutage ist Andy Warhol längst schon zu einer Art Allgemeingut geworden, sein Konterfei oder einzelne Werke wie die berühmten Suppendosen finden sich überall: auf T-Shirts, in Filmen und Millionen von Postkarten.

Die beinahe inflationäre mediale Vergewaltigung seiner Werke hätte ihm wahrscheinlich gefallen, mit Sicherheit hätte es ihn aber extrem belustigt. Als er Anfang der 1960er Jahre die Bilderserie um die berühmten Dosensuppen (Campbell’s Soup Cans) herausbrachte, erntete er absolutes Unverständnis. Niemand wollte dafür wirklich Geld zahlen. Gut dreißig Jahre später wurde das Ensemble für fünfzehn Millionen Dollar an das Museum of Modern Art in New York verkauft. Wie sagte Warhol einst so schön selbst: „Die Gesellschaft ist so dumm, dass sie für jeden Dreck hunderttausend Dollar bezahlt.”


Nebst seinem Spiel mit dem Kulturbetrieb und der ironischen Brechung ihrer damaligen Ernsthaftigkeit veränderte Warhol bis in die 1980er Jahre hinein aber auch das Bild des schwulen Mannes nachhaltig. Bereits in den 1950er Jahren kreiste seine Kunst konsequent um Fragen der schwulen Identität. Er stritt seine eigene Homosexualität auch niemals ab und feierte gerne ausgelassen im berüchtigten Nachtclub Studio54 mit den nackten Bar-Jungs. Natürlich abgeschieden von dem großen Publikum, denn die große Menschenmenge war zeitlebens nicht seins, auch wenn er einmal mit einem Lächeln meinte, dass Sex und Partys die einzigen beiden Dinge seien, bei denen man nun einmal persönlich erscheinen müsse.

Er spielte gerne den leichtfüßigen Künstler, der stets über den Dingen steht – dabei war Warhol auch ein zutiefst nachdenklicher und bisweilen ängstlicher Mensch. 1968 überlebte er ein Attentat einer radikalen Frauenrechtlerin nur schwer verletzt mit mehreren Schüssen im Körper. Seit dieser Zeit plagten ihn zudem Ängste vor Krankheiten wie AIDS. Mit ein Grund, warum seine homosexuellen Beziehungen allesamt scheiterten. Verharmlosend meinte er einmal dazu selbst: „Wer alles über Andy Warhol wissen will, braucht nur die Oberfläche anzusehen, die meiner Bilder und Filme und von mir, und das bin ich. Da ist nichts dahinter.“


Dass das nicht stimmt, beweist nicht nur sein umfassendes Werk und der massive Einfluss, den er bis heute auf viele Künstler weltweit hat, sondern nun auch ein Bildband aus dem Taschen Verlag. Bevor er zur Spitze der Pop Art aufgestiegen war, hatte Warhol bereits eine Reihe verführerischer Zeichnungen von jungen Männern angefertigt – über dreihundert davon kann man nun auf den fast 400 Seiten des Buches „Love, Sex, and Desire“ bewundern.


Skizzen, amüsante Details und erotische Augenblicke wurden hier, scheinbar flüchtig und nebenbei, festgehalten. Wahrer Stil, das war für Andy Warhol immer alles Unfertige und Zufällige. In diesem Sinne ist dieses Buch wahrhaftig stilvoll und berührt uns emotional und lustvoll – auch wenn Warhol selbst das augenzwinkernd bezweifeln würde, meinte er doch einst: „Während der 1960er Jahre haben die Menschen vergessen, was Gefühle sind. Und ich glaube, sie haben sich nie wieder daran erinnert.”

Ob nun kokettierend oder nicht, manchmal darf sich auch ein Warhol irren. Er ist viel mehr als nur ein „oberflächlicher“ Künstler, das zeigte sich spätestens auch bei der Versteigerung seines Nachlasses, der für über 900 Millionen Dollar verkauft wurde. Oder hatte der Meister am Ende doch recht und die Gesellschaft zahlt für jeden Dreck? Es wird ein Geheimnis bleiben, doch eines ist sicher: Das Buch aus dem Taschen Verlag ist seinen Preis wert, lässt einen dem jungen Warhol noch einmal ganz nahe kommen und ihn selbst irgendwie golden und verführerisch leuchten.


Andy Warhol. Love, Sex, and Desire. Drawings 1950–1962

Michael Dayton HermannDrew ZeibaBlake Gopnik

Hardcover, 392 Seiten, 75 Euro. Taschen Verlag.

Bildrechte: The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

Autor: Michael Soze

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