Liebe, Leidenschaft und Corona?


Was Ältere und Jüngere voneinander lernen können

Liebe? Leidenschaft? In diesen Zeiten? Wo wir vorsichtiger als je zuvor sind, damit wir uns nicht beim Date mit Covid-19 anstecken? Trotz Impfstart bleibt das virale Spukgespenst erst einmal für 2021 noch in unseren Köpfen. Ist da überhaupt Platz für Leidenschaft und Liebe? Und falls Ja, wissen wir nicht bereits alles über Lust und Leidenschaft, Liebe und Partnerglück?

Das erste Mal sammeln die meisten schwulen Männer zwischen dem 16. und 17. Lebensjahr sexuelle Erfahrungen, die heutige Jugend, die sogenannte Generation Z, erlebt im Durchschnitt sogar rund ein Jahr früher das berühmte erste Mal als alle Generationen zuvor – und zwar mit rund 16 Jahren. Bedeutet dieses eine Jahr mehr auch einen Wissensvorsprung, wenn es um Liebe und Lust geht? Corona hat der sexuellen Wissbegierde sicherlich vielerorts Einhalt geboten. Doch was wir vielleicht kurzfristig als Einschränkung in unserem Leben erfahren, könnte sich dabei als Chance herausstellen, unser Liebesleben neu zu justieren und frei von Erwartungsdruck und der Schnelllebigkeit der Community voneinander zu lernen.  


Ist jetzt nicht die perfekte Zeit dafür, unsere eingefahrenen Praktiken zu überdenken, einen Moment innezuhalten und einfach zu schauen, ob wir wirklich zufrieden sind, wie unser Liebesleben aktuell abläuft – und ob es nicht vielleicht ein gutes Stück besser sein könnte? Die älteren Semester unter uns haben der heutigen Jugend meistens eine Langsamkeit voraus, die den Jungs heute oftmals fehlt. Klingt paradox, erleben viele junge Homosexuelle doch gerade heutzutage in den größeren Städten eine breitgefächerte Vielfalt an Angeboten und Möglichkeiten, um alle Arten von Sexualität ungezwungen erkunden zu können.

Fehlt auch vielleicht an mancher Stelle noch das Fachwissen, hilft wenigstens im theoretischen Bereich gerne Tante Google aus. Nichts, was den Jungs noch wirklich fremd sein kann, oder muss. Und während sich beinahe alle von ihnen bis heute die große Liebe, die monogame Zweisamkeit erträumen, wird von ihnen irgendwie erwartet oder zumindest angenommen, dass sie alles schon einmal ausprobiert haben. Nichts ist mehr neu, nichts ist mehr speziell. Alles schon gesehen, vieles schon erlebt. Vielleicht klingt es tatsächlich nach der Geschichte alter schwuler Männer, doch es ist wohl trotzdem ein gutes Stück Wahrheit in folgender Aussage zu finden: Nur weil junge Männer heute alles machen können, bedeutet das nicht, dass sie auch wirklich bereits reif dafür sind.

Ja, reif, dieses Wort aus Opas altem, vergilbten gelben Duden in der Bücherwand. Es sei ihnen allen natürlich vergönnt, all die schnellen Momentaufnahmen, die wilden Abenteuer, doch erleben jene, die sich dazu verleiten lassen, alles in einer solch immensen Geschwindigkeit, dass oftmals gar keine Zeit bleibt, einmal ernsthaft zu hinterfragen: Gefällt mir das gerade wirklich? Was empfinde ich tatsächlich dabei? Wie gut ist das alles in der Realität, abseits vorab gefestigter Vorstellungen? Für die Generation Z gilt im Spiegel der allgegenwärtigen Omnipräsenz ihres eigenen, hyper-gefakten Selbstbildnisses auf den Dating-Portalen und bei Instagram, stets für alles bereit zu sein.

Kein Erlebnis ist zu krass, zu wyld, und niemand scheint da, der mutig einmal sagt: Jungs, darauf habe ich keine Lust. Dabei gibt es natürlich trotzdem jene, die sich dem Sog um Aufmerksamkeit in der Community entziehen – und nicht selten geschieht es dann, dass jene genau deswegen als altbacken, konservativ und spießig gedisst werden.


Die heute etwas älteren Homosexuellen, also jene Männer, die irgendwo zwischen Baby Boomers, Generation X und Millenials sowie den „richtig Alten“, also allen jenseits der 30er-Todeszone aufgewachsen sind, haben ihre Sexualität und ihr Beziehungsleben in Etappen aus- und erleben dürfen, deren Abstände dabei voneinander deutlich größer waren. Vom ersten sexuellen Kontakt bis hin zum Ausleben spezieller Spielarten und Fetische dauerte es länger als ein Wochenende. Vielleicht mag manch einer dieser heutigen Herren die Jugend um ihre positiv lasterhafte Sexualität beneiden, doch wird dabei oftmals verkannt, dass Sexualität eigentlich immer ein Entwicklungsprozess ist und sie nur dann in vollen Zügen genossen werden kann, wenn man nicht unter dem vermeintlichen Druck steht, alles binnen kürzester Zeit erleben zu müssen. Natürlich können auch Jungs alles machen, wozu sie Lust haben – die Frage ist nur, haben sie wirklich Lust dazu? Selbstständig?

Oder sollen sie eben Lust dazu haben, weil doch alle um sie herum und gerade in der Gay-Community irgendwie so offen drauf sind? Keiner macht ihnen doch etwas vor, bitte nur nicht schämen, kein Cringe please, Digga. Lust, Leidenschaft und eine tiefgehende Beziehung – passt alles in ein einziges Wochenende von Freitagabend bis Montagmorgen hinein. Und so haben die älteren Semester unter uns wohl tatsächlich einen gewissen Heimvorteil mit ihrer Lebensrealität, weil sie sich meist zwangsweise Schritt für Schritt an Erlebnisse und Abenteuer herantasten mussten. Nicht die Vernunft ließ sie langsam voranschreiten, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse – geschehen in einer Zeit vor dem Internet oder sogar noch weiter zurück in der Nachkriegsära vor und nach dem Mauerfall, als sexuelle Handlungen unter Homosexuellen teilweise noch strafbar waren oder nur heimlich in Klappen, dunklen Ecken und Saunen stattfinden konnten. Schwule, junge Männer damals wie heute waren und werden wohl verständlicherweise selten von Vernunft geleitet, wenn es um die Lebenslust und die sexuelle Begierde geht. Die älteren Herren waren nicht cleverer als die heutige Generation Z, sie hatten nur nicht das Überangebot an Möglichkeiten.


Wie also lässt sich nun das Erleben von Liebe und Leidenschaft in Zeiten von Covid-19 neu entdecken bei einer Gruppe schwuler Männer, die entweder schon vor dem zwanzigsten Lebensjahr gefühlt alles einmal erlebt haben oder eben zu jenen gehören, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sehr genau erforscht und festgelegt haben, was sie gut finden, und was nicht. Was will man neu entdecken, wenn die einen scheinbar alles wissen und die anderen scheinbar alles gemacht haben? Die Antwort ist beinahe simpel: Zurück zum Anfang. Und zwar gemeinsam.

Das ist kein grundsätzlicher Apell für Spielarten wie Daddy-und-Boy-Fantasien, aber wer sich damit anfreunden kann, schafft vielleicht leichter den ersten Schritt hin zu einem neuen Entdecken der eigenen Leidenschaft. Was den einen an Erfahrung und vor allem an Reife fehlt, können die anderen kompensieren. Im Gegenzug dürfen sie von einer jugendlichen Entdeckerfreude und einem, wenn auch nur unterbewusst geäußerten Wissendurst profitieren, der die eingefahrenen Muster durchbricht und so den Raum für ein neues Entdecken ermöglicht. Das kann natürlich auch unter Gleichaltrigen jeden Alters funktionieren, insofern sich beide Partner erlauben, noch einmal die eigene Definition von Liebe, Beziehung und Sexualität im positiven Sinne in Frage zu stellen. Wir sind Alltagsstiere und genau dieser Prozess schreitet auch in unserem Liebesleben stetig voran – dabei lässt sich Alltag überall finden.

Ob es nun das monogame Paar ist oder eben Männer, die ihr Leben promiskuitiv gestalten oder lieber kürzere Beziehungen hintereinander pflegen. Alltag bleibt Alltag. Nur mit Entdeckerlust und Zeit, die beinahe magische zweite Komponente, können wir unser Liebesleben auch als (junge) alte Hasen in jedem Alter neu wiederbeleben, Körper neu erkunden, Denkmuster durchbrechen und dabei die Lust und die Liebe niemals vergessen. Ebenso wenig wie den Humor, denn gelacht werden darf ebenso und zwar in jeder Situation. Wir haben die Freiheit, uns immer wieder von neuem zu entdecken – es wäre zu schade, wenn wir dieses Geschenk ungenutzt an uns vorbeiziehen lassen. Gerade jetzt in dieser ruhigen Phase in den ersten Monaten des neuen Jahres wäre die ideale Chance dazu. Etwas oft oder schon in jungen Jahren bereits gemacht zu haben, heißt nicht, es wirklich verstanden zu haben – und tatsächlich den größtmöglichen Lebensgewinn daraus erzielt zu haben. Dabei wollen wir das doch eigentlich alle das Gleiche: Lust und Leidenschaft, Liebe und Miteinander als eine außergewöhnlich intime und intensive Erfahrung erleben zu dürfen.

Copyright alle Bilder: Cockyboys

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