Im Fadenkreuz der Gewalt: Schwule in Ungarn & Polen


„Viele schwule Männer in Deutschland wissen gar nicht, in was für einem Paradies sie leben! Und auf der anderen Seite ist es für Außenstehende wahrscheinlich wirklich nicht zu begreifen, wie es uns hier in Ungarn tatsächlich geht. Ich würde es selbst nicht glauben, würde ich nicht hier leben.“ David ist 25 Jahre alt und lebt in Budapest, der Hauptstadt Ungarns. Sein Gesicht will er nicht veröffentlichen, zu groß ist die Angst, erkannt zu werden. „Es gibt auch in Deutschland sehr stolze Ungaren, die gerne in die alte Heimat Berichte von solchen wie mir schicken. Das verbreitet sich gerne schnell.“

Solche wie er. Damit meint David schwule Männer, der größte Bestandteil aus der ungarischen LGBTQ-Community, der tagtäglich Hass und Anfeindung ausgesetzt ist. Da wäre zum einen die gesetzliche Komponente: Immer wieder vergleichen Politiker Homosexualität mit Pädophilie und versuchen, Vorurteile in Gesetze zu verwandeln. In Deutschland neigte zuletzt nur CDU-Möchtegernkanzler Friedrich Merz zu einem ganz ähnlichen Vergleich. Der Schutz der Kinder vor den vermeintlichen schwulen Schändern feuert eine ganze Reihe von Gesetzen an, die allesamt das Ziel verfolgen, Rechte für LGBTQ-Menschen zu minimieren.

Die Adoption ist in Ungarn de facto für LGBTQ-Menschen inzwischen so gut wie unmöglich. Eine Ehe bleibt eine Verbindung von Mann und Frau und auch die Möglichkeit der Selbstdefinition ist transsexuellen Menschen genommen worden. Das bei der Geburt festgestellte Geschlecht ist bindend. Ungarn und Polen scheinen intern einen Wettbewerb ausgerufen zu haben, wer in kürzerer Zeit mehr Menschenrechte für Homosexuelle untergraben kann. Und andere Länder wie derzeit Rumänien versuchen tatkräftig, ebenso beim Spiel mit der Beschneidung von LGBTQ-Rechten mitmachen zu dürfen.

David in Budapest

Die Lage? Aussichtlos?

Zum anderen gibt es aber auch die gesellschaftliche Entwicklung, die in beiden Ländern die Bevölkerung vor eine Zerreißprobe stellt. Das bekannte Model Adam Jakubowski erzählt uns zum Beispiel, dass es sich in den großen Städten Polens immer noch einigermaßen gut leben lasse als schwuler Mann. Je ausgeprägter der katholische Glaube allerdings vorhanden ist, desto größer auch die Abneigung der Menschen vor der LGBTQ-Community. Dabei schwenkt in Polen die Stimmung spielend leicht in blanken Hass um, weswegen sich über 100 Regionen im Süden und Osten des Landes bereits als LGBTQ-frei bezeichnen. Die EU hat dies offiziell im März 2021 zwar verurteilt und Europa als "LGBTQ-Freiheitsraum" bezeichnet, wirkliche Veränderungen in den beiden LGBTQ-feindlichen Ländern werden dadurch allerdings nicht erreicht.

Der LSVD Deutschland spricht von einem „steigenden Hass“ im Nachbarland. Ein harmloser TV-Spot mit einem schwulen Paar führte da bereits zu einem handfesten Skandal. Das beeinflusst nach und nach auch die letzten Treffpunkte für Homosexuelle in den Großstädten. Im ländlichen Raum ist die Lage bereits aussichtlos, so Rémy Bonny, Gründer der Europäischen Koalition für LGBTQ-Sicherheit und Gleichstellung gegenüber dem MyGay-Magazine: „Auf dem Land ist es höllisch, schwul zu sein. Du wirst von deinen Nachbarn, der lokalen Presse, selbst im Supermarkt ständig diskriminiert. In Ungarn ziehen viele schwule Männer deswegen in die Hauptstadt, es ist dort toleranter, eine liberale Insel. Dating in Budapest kann jedoch auch riskant sein. Berichten zufolge haben rechtsextreme Gruppen in den letzten Jahren Banden ausgesandt, um schwule Menschen gezielt zu finden und zu verprügeln.“

Das kann auch Bendi Serényi bestätigen – der schwule Ungar floh vor einigen Jahren aus seiner Heimat nach Berlin: „Wenn ich das Gesamtbild betrachte, sehe ich, dass die Mehrheit der Menschen, die für die derzeitige Regierung gestimmt haben, Menschen aus Regionen sind, in denen sie keinen Zugang zu vielen Informationen haben und die Regierung die Medien kontrolliert. Diese Leute wissen es manchmal einfach nicht besser. Wenn ich jetzt Ungarn besuche, muss ich mir wirklich immer bewusst machen, wie ich mich verhalte. Ein Beispiel: Als ich in einem bunten Outfit zu einem Festival gehen wollte, sagte mir meine Mutter, die mich sehr akzeptiert: Du siehst sehr schön aus, aber so wirst du nicht lebend zurückkommen. Im Moment wird es immer schlimmer, ich hoffe noch immer auf ein Licht am Ende des Tunnels. Glücklicherweise gibt es in Ungarn einige erstaunliche Leute, die den Kampf nicht aufgeben.“

Rémy Bonny, Gründer der Europäischen Koalition für LGBTQ-Sicherheit

Der Kampf um die Macht

Egal ob in Polen oder Ungarn, die römisch-katholische Kirche kämpft massiv mit Hilfe gewaltbereiter Gruppen dafür, ihre Vormachtstellung weiter auszubauen. Den Ministerpräsidenten der beiden Länder kann dies nur recht sein, denn sie testen gerade genüsslich aus, wie weit man die Gruppe der LGBTQ-Menschen zum Sündenbock für alle möglichen Probleme machen kann. Und die Stimmung im Land ist gerade bei der überwiegend ländlichen Bevölkerung von Jahr zu Jahr zunehmend negativ befeuert worden. Nur 25 Prozent der polnischen Mütter und gar nur 12 Prozent der Väter würden ein homosexuelles Kind akzeptieren, so eine aktuelle Studie der Organisation „Kampagne gegen Homophobie“.

Erschwert wird das noch durch die derzeitige Corona-Pandemie, so Aktivistin Cecylia Jakubczak, denn Homosexuelle können sich nun nicht einmal mehr mit Gleichgesinnten treffen und austauschen. Ähnlich düster ist die Stimmung in Ungarn, auch wenn die Zustimmung für die gleichgeschlechtliche Ehe in den letzten Jahren angestiegen ist, so die Europäische Union. Trotzdem lehnt mehr als die Hälfe der Ungaren homosexuelle Lebensweisen nach wie vor ab. Durch die sukzessive Kontrolle der freien Medien, der Wissenschaften und des Bildungssystems in beiden Ländern wird eine unsichtbare Mauer der Ignoranz um die eigene Bevölkerung errichtet. Das verstärkt zudem die scheinbar ausweglose Lage der vor allem jungen Homosexuellen, wie Kreativkopf Bendi Serényi weiter erzählt: „Ich habe mich immer wie ein Ausgestoßener gefühlt und ich habe geglaubt, dass etwas mit mir nicht stimmt, was ich reparieren muss, während ich dort gelebt habe. Erst nachdem ich Ungarn verlassen hatte, lernte ich, meine Seltsamkeit nicht nur zu akzeptieren, sondern zu lieben.“


Ungarn liegt nicht mehr in Europa

„Wir scheinen Europa total egal zu sein, oder?“, fragt mich David im digitalen Interview über Whatsapp und ich kann ihm kaum widersprechen. Egal ob sich wie in Polen Botschafter aus der halben Welt für den Schutz von Minderheiten einsetzen oder EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kritische Worte nach Ungarn oder Polen schickt. Eine Wirkung, eine Veränderung findet nicht statt. Auch die Möglichkeit einer gesetzlichen Handhabe gegenüber Ungarn und Polen ließ die EU zuletzt verstreichen, was LGBTQ-Aktivist Rémy Bonny wütend macht: „Ich bin äußerst frustriert über das Schweigen der Europäischen Kommission und des Europäischen Rates. Ich habe sogar das Gefühl, dass dies eine Pflichtverletzung der Europäischen Kommission ist. Sie haben die Aufgabe, die Verträge der Europäischen Union aufrechtzuerhalten, und sie schützen nicht die Menschenrechte der LGBTI-Bevölkerung. Als LGBTQ-Bewegung fordern wir bereits seit über zwei Jahren die Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens gegen Ungarn und Polen, aber sie haben dies nicht getan. Ich kann nicht ausschließen, dass wir irgendwann rechtliche Schritte gegen die Europäische Kommission einleiten werden!“

Auch Lydia Gall, leitende Juristin für Osteuropa bei Human Rights Watch (HRW), zeigt sich gegenüber dem MyGay Magazine sehr frustriert: „Die deutsche EU-Präsidentschaft, die in den letzten sechs Monaten 2020 die Präsidentschaft innehatte, war eine Enttäuschung! Polen und Ungarn sind die größten Empfänger von EU-Mitteln pro Kopf in der EU. Wenn diese Regierungen weiterhin Geld von EU-Steuerzahlern erhalten möchten, sollten sie auch die gemeinsamen Regeln befolgen, einschließlich der Achtung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit. Wenn diese Regierungen in diesen Bereichen weiterhin scheitern, sollten die Mittel bis zur Einhaltung eingeschränkt werden!“

Lydia Gall, Human Rights Watch

Bis es tatsächlich Konsequenzen gibt, dauert es wohl aber noch. So lange wird fleißig weiter diskriminiert - das Zündeln übernehmen dann wie jüngst jeden Sonntag Bischöfe und Priester, die wahlweise gerne von der „Seuche in den Farben des Regenbogens“ oder den „ pervertierten importierten Ideologien“ predigen. So gestärkt fällt es den Hooligans leicht, nach der Messe direkt zum Schwulenklatschen aufzubrechen.

Die Gewaltbereitschaft nimmt immer mehr zu, wie uns auch David bestätigt: „Und viel schlimmer ist, immer mehr sehen einfach weg. Es herrscht eine Kultur der Angst, selbst hier in Budapest wird es immer schlimmer!“ Die wenigen freien Journalisten in Ungarn sprechen von einer „beispiellosen Hetzjagd“. Auch Lydia Gall (HRW) kann bestätigen, dass die Stimmung selbst für Organisationen wie die ihre immer schwieriger wird - öffentliche Bloßstellungen und das Kürzen von Mitteln sind an der Tagesordnung: „Unter dem Vorwand von Covid-19 trat dann die Regierung während eines erklärten Ausnahmezustands aus der parlamentarischen Kontrolle aus, verabschiedete daraufhin Hunderte von Dekreten und nahm Änderungen an bestehenden Gesetzen vor, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit weiter einschränken. Zum Beispiel können jetzt bereits kritische Aussagen über den Umgang der Regierung mit der Pandemie als Panikmache definiert und mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.“


Schwul in Ungarn oder Polen? Lieber nicht!

Genauso düster ist verständlicherweise auch die Stimmung unter den Homosexuellen in den beiden Ländern selbst. LGBTQ-Kämpfer Bonny fasst es treffend zusammen: „Meine schwulen Freunde in Ungarn sind müde, depressiv und ängstlich. Sie befürchten, dass Ungarn das zweite Russland sein wird. Sie haben gesehen, dass ihnen in den letzten Jahren fast alle ihre Rechte weggenommen wurden. Die Regierung hat sie als Bürger zweiter Klasse eingestuft. Wer es sich leisten kann, denkt darüber nach, nach Westeuropa auszuwandern. Aber viele Aktivisten wissen, dass dies nicht die langfristige Lösung sein kann!“

Die Suche nach einer Lösung gestaltet sich schwierig bei den derzeitigen Machtverhältnissen, da ist sich auch Menschenrechtsjuristin Gall sicher: „Solange Orbáns Regierung an der Macht ist, wird sich für LGBTQ-Menschen wenig zum Besseren ändern. Wir müssen unsere Hoffnungen auf die jüngere Generation setzen, die zumindest meiner Meinung nach Diversity eher zu akzeptieren scheint, aber es ist trotzdem noch ein langer und kurvenreicher Weg!“ Wahre Worte, doch werden sie jungen Schwulen wie David im Moment nicht helfen. Oder gibt es doch noch den Funken Hoffnung mit Hinblick auf die Europäische Union? Ist es dabei nicht an der Zeit, dass auch wir lauter werden?


Eines dürfen wir nämlich nicht vergessen – der konservative Rechtsruck, der Hass auf Homosexuelle und die massive Beschneidung fundamentaler Menschen- und Minderheitenrechte ist keineswegs eine logische Entwicklung früherer Zeiten. Vor 2010 war Ungarn beispielsweise ein Land, das sich stark für die LGBTQ-Gleichstellung einsetzte inklusive homosexueller Lebenspartnerschaften. In nur wenigen Jahren passierte hier etwas, was LGBTQ-Menschen für unmöglich gehalten hätten.

Jetzt scheint die letzte Hoffnung Europa zu sein, so Rémy Bonny: „ Solange die EU dies zulässt, wird sich nichts ändern!“ Die EU wird aber wohl erst dann einschreiten, wenn der Druck und der Ruf nach der Einhaltung der fundamentalen Menschenrechte aus der Bevölkerung unüberhörbar laut geworden sind. Ansonsten bleibt es bei sinnlosen Gesten wie jenen nahe Budapest: Dort spannen Einheimische über die Gassen ihrer Stadt bunte Regenschirme in den Farben des Regenbogens, um Besucher freudig zu begrüßen.

Nur für Homosexuelle ist da wohl unter dem Regenbogen kein Platz mehr. Und wir sollten uns eine Frage mit Besorgnis stellen, wenn wir sehen, wie schnell Grundrechte wieder verschwinden können: Kann das bei uns auch passieren? Und wäre es dann nicht ratsam, jetzt laut zu werden, bevor es zu spät ist? Für uns ebenso wie für alle LGBTQ-Menschen in Ungarn, Polen und anderenorts?

Cover-Bild: Exklusivshooting für MyGay Magazine

Fotograf: Niklas van Schwarzdorn

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