Die Akzeptanz der Nacktheit


Sein Name klingt wie die perfekte Mischung aus einem jungen italienischen Lover und einem ber├╝hmten Commissario aus Venedig: Francesco Brunetti. Wer so einen wunderbaren Namen hat, der muss ber├╝hmt werden! Ganz so weit ist es noch nicht, aber der gerade einmal vierundzwanzigj├Ąhrige Italiener aus Neapel ist auf dem besten Weg dahin.

Seine erotischen und teils sehr intimen Aktbilder lassen uns einfach nicht mehr los - Francesco, wir wollen immer mehr von dir! Und Single ist der sexy Kerl auch noch, der in seiner Freizeit viel tanzt, singt und Klavier spielt. Liegt es an den wunderbaren Bildern, diesem jungen Mann selbst oder der Jahreszeit, dass wir pl├Âtzlich Schmetterlinge im Bauch haben?

Francesco, bitte lass uns weiterhin glauben, dass alle Jungs aus Neapel so sexy sind wie auf deinen Bildern. Das ist wahr, oder?

Aber klar doch! Alle! In Neapel gibt es wirklich viele sexy Typen, sowohl schwul wie hetero. Sie alle haben dunkles Haar, eine sexy Statur und sehr sch├Âne Gesichtsz├╝ge. Ihr solltet also auf alle F├Ąlle Neapel besuchen, es lohnt sich immer!

Gut zu wissen! Du lebst inzwischen in London, weil deine Bilder in Italien auf wenig Gegenliebe gesto├čen sind. Wie erkl├Ąrst du dir das?

Ich w├╝rde sagen, dass die Menschen in Italien etwas weniger aufgeschlossen sind. Sowohl Klassenkameraden als auch meine Lehrer waren von meinen Arbeiten schockiert, und das ist etwas, was man eigentlich nicht von einer renommierten Kunstakademie erwarten w├╝rde. Das gilt nat├╝rlich nicht pauschal f├╝r alle Menschen, die ich getroffen habe.

Aber es ist schon wirklich traurig, dass die Darstellung von m├Ąnnlicher Nacktheit im 21.Jahrhundert noch immer solche Schwierigkeiten hat, gesch├Ątzt oder zumindest akzeptiert zu werden. Ich denke, dass Italien m├Ąnnliche Nacktheit generell nicht sehr mag. Die gr├Â├čte Anerkennung, die ich bisher erhalten habe, kam von Menschen aus anderen Teilen Europas, Gro├čbritanniens, Australiens und den USA.

Du sagst, dass ein m├Ąnnlicher Akt immer noch ein Tabu f├╝r viele Menschen ist. Warum schockt ein m├Ąnnliche Nacktheit noch immer so sehr? W├Ąre es nicht an der Zeit zu sagen: Leute, kommt dr├╝ber hinweg?

Absolut! Genau das sage ich immer den Leuten, wenn es ihnen unangenehm ist, meine Zeichnungen zu betrachten. Ich denke, das hat viel mit zwei einfachen Ph├Ąnomenen zu tun: sexueller Unterdr├╝ckung und Frauenfeindlichkeit. Sex bedeutet f├╝r viele Menschen Scham und Erniedrigung. Menschen sind mehr schockiert von m├Ąnnlicher Nacktheit, weil es nicht akzeptabel ist, den m├Ąnnlichen K├Ârper als sexuelles Objekt zu behandeln. Ganz im Gegenteil bei einem Frauenakt, da ist es f├╝r alle in Ordnung. F├╝r viele ist es nicht zu tolerieren, dass M├Ąnner jetzt auch einmal als Objekt behandelt werden k├Ânnen.


Die M├Ąnner in deinen Werken haben stets sehr sexy K├Ârper, wilde Haare und einfach einen sehr sexy Look. Man kann sich sehr schnell in sie verlieben.

Ich bin sehr froh, dass du sie sexy findest! Ich verliebe mich immer in die M├Ąnner, die ich zeichne, also freue ich mich sehr, wenn ich dieses Gef├╝hl weitergeben kann. Das Wichtigste dabei ist f├╝r mich immer das Gesicht eines Mannes. Klar, ich mag athletische K├Ârper, ÔÇ×au├čergew├Âhnliche Gr├Â├čenÔÇť und so weiter, aber eigentlich ist das nicht das Wesentliche. Ich kann mich in jeden Typen verlieben, egal ob sportlich, mollig oder schlank, solange mir der Ausdruck in seinem Gesicht etwas vermittelt.

Auf einem deiner Bilder sieht man einen nackten, jungen Mann, der gerade auf sein Fahrrad aufsteigt. Francesco, wo k├Ânnen wir diesen sexy Kerl finden?

Zu meinem tiefen Bedauern muss ich dir sagen, er existiert leider nicht. Oder falls doch, dann habe ich ihn auf jeden Fall noch nicht getroffen. Wie die meisten meiner Figuren ist auch diese eine fiktionale Person. Leider.

Verdammt! Das h├Ątte uns so gefreut. Aber mal im Ernst, wie entstehen deine Werke?

Ich vermische oftmals diverse Fotos zu einem neuen Endprodukt. Zum Beispiel klaue ich mir das Gesicht von einem Schnappschuss, den K├Ârper ├╝bernehme ich von einem Model aus einem Werbespot und der Schwanz entsteht dann in meiner Fantasie. Der Hintergrund kommt dann noch einmal von ganz anderer Stelle. Manchmal passiert es, dass mich ein einzelner Mann sehr inspiriert, aber meistens variiere ich viel. Ab und an benutze ich mich auch selbst als Model und vermische es mit Freunden, S├Ąngern oder Schauspielern. So ein Bild entsteht dann in ein paar Stunden, je nachdem, wie komplex die ganze Szene ist.

Francesco Brunetti

Derzeit steckst du noch mitten in deinem Kunststudium in London. Was hast du danach geplant?

Ich m├Âchte gerne noch eine Weile in London bleiben und hier arbeiten. Langfristig nat├╝rlich auch sehr gerne in der Welt der Kunst, zum Beispiel in Museen, Kunstgalerien oder Auktionsh├Ąusern. Ich liebe London wirklich sehr, aber nat├╝rlich auch meine Heimat und meine Familie. Zudem entdecke ich auch gerne neue Orte. Es f├╝hlt sich gut an, solange ich einen guten Job in der Stadt finde. Ich kann mich auf mich selbst verlassen und das ist toll. Und das Wichtigste ist sowieso: Egal, wo ich bin, ich werde mein Leben lang M├Ąnner zeichnen!

Italien ist deine Heimat, die du ja auch ab und an besuchst. Wie lebte und lebt es sich dort aktuell als schwuler, junger Mann?

Die Akzeptanz f├╝r Homosexuelle w├Ąchst in Italien St├╝ck f├╝r St├╝ck, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns. Das Land ist definitiv noch lange nicht dort, wo Berlin oder London heute schon stehen. Ich habe schon als Kind lieber mit Ariel der Meerjungfrau als mit einem Spielzeugauto gespielt, das fanden weder meine Klassenkameraden noch deren Eltern wirklich gut.

Aber meine Familie stand immer hinter mir. Und als ich ├Ąlter wurde, hatte ich das gro├če Gl├╝ck, meine Sexualit├Ąt frei ausleben zu k├Ânnen, denn meine Familie ist da wirklich sehr fortschrittlich. Mit f├╝nfzehn Jahren hatte ich mein Coming Out und auch in meiner Schule hat sich niemand an meiner Vorliebe f├╝r andere Jungs gest├Ârt. Man kann also in Italien durchaus offen leben, wenn man das Gl├╝ck hat, im Zentrum einer Stadt aufzuwachen und auch einen guten Platz an einer Schule findet.


Wenn M├Ąnner deine Bilder betrachten, wie reagieren sie?

Mein Bruder, mein Vater oder auch enge Freunde von mir haben mich immer unterst├╝tzt. Nur einige heterosexuelle Kerle reagieren manchmal echt seltsam, was ich einfach nur lustig finde. Sie sagen dann, meine Werke seien sehr schwer zu verkaufen oder die Penisse seien zu gro├č. Man merkt einfach sofort, dass sie den Anblick von Penissen nicht ertragen k├Ânnen. Aber nat├╝rlich k├Ânnen sie das nicht so explizit sagen, das w├Ąre ja homophob, also erfinden sie einfach ein anderes Argument dagegen. ├ťbrigens sind auch Frauen nicht unbedingt offener als M├Ąnner. Fr├╝her habe ich ab und an auch nackte Frauenk├Ârper gezeichnet, das hat aber tats├Ąchlich niemanden aufgeregt.

In einer anderen Zeichnung f├Ąngst du einen sehr privaten Moment zwischen zwei M├Ąnnern ein, die kurz davor sind, Sex zu haben. Ein wirklich tolles Bild!

Danke dir, ich freue mich wirklich ├╝ber das Kompliment. Es ist f├╝r mich ein Augenblick voll purer Anspannung - jene Sekunden, bevor es zum Sex kommt. Sex ist nat├╝rlich gro├čartig, aber der Moment, bevor er tats├Ąchlich passiert, ist der interessanteste. Es ist eine Mischung aus Gedanken, Aufregung und manchmal auch Angst. Es ist sehr spannend, solche Momente festzuhalten, weil sie den emotionalen H├Âhepunkt darstellen.


Ein Moment, in dem man sehr verletzlich ist. In einem anderen Bild von dir sehen wir zwei schwule M├Ąnner, eng umschlungen, die unter einem Regenbogenschirm stehen. Brauchen wir alle in diesen Zeiten mehr Schutz, weil wir verletzlicher werden?

Genau das wollte ich mit dieser Arbeit vermitteln! Ich f├╝hle mich ehrlich gesagt nicht gesch├╝tzt. In letzter Zeit hat sich zwar einiges in Bezug auf unsere Rechte verbessert, aber es reicht einfach nicht aus, und ich bin mir nicht sicher, ob dies auch in Zukunft so bleiben wird. Dieser Regenschirm symbolisiert genau diesen Gedanken: Er steht f├╝r das Gef├╝hl, sicher und gesund zu sein und vor allem f├╝r die Selbstakzeptanz.

Einige Leute in meinem Bekanntenkreis untersch├Ątzen das Problem. Ich kann es kaum ertragen, wenn sie Dinge sagen wie ÔÇ×Ich muss meine sexuelle Orientierung nicht angeben; ich brauche keine Etikette." Versteh mich nicht falsch, das ist theoretisch wahr, aber praktisch gesehen ist es eine Utopie. W├╝rde ein heterosexueller Mann so etwas jemals sagen m├╝ssen? Wir sollten damit anfangen, unsere Stimmen zu erheben, sobald es uns irgendwie m├Âglich ist. Nur gemeinsam und ├Âffentlich k├Ânnen wir unseren Stolz auf uns selbst in die Welt tragen und Dinge wirklich ver├Ąndern. In besonderem Ma├če sind hier bekannte Pers├Ânlichkeiten gefragt. Solange niemand einen anderen Menschen verletzt, sollte jeder die Freiheit haben zu tun, was er oder sie will.


Besuche Francesco auf Instagram.

Autor: Michael Soze

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