Blick auf den Bauch!


"Nein, wie elegant. Da steht ja ein vollkommen neuer Mensch vor mir. Unglaublich. Eine totale Veränderung!" – So oder so ähnlich plappert Fashion Designer Tan France in beinahe jeder Netflix-Folge freudig in die Kamera, wenn er die zumeist verwahrloste Gestalt im Mittelpunkt (Stichwort: Monster of the week) von „Queer Eye“ beraten hat und diese ihr Holzfällerhemd nun doch tatsächlich teilweise am Bauch in den Hosenbund gesteckt hat.

Der geneigte Fachmann nennt das „Navel Tuck“ und meint diese Spielerei todernst. Was früher das stets komplett eingesteckte Hemd war, wurde mit den Jahren immer mehr zum Casual Look. Hemd raus, aber bitte gut anliegend am gestählten Körper. Der geneigte Homosexuelle machte freudig mit. Irgendwann kam zur Freude aller Internisten das nierenfreie Hemd auf – irgendwie mussten die Arztgattinnen ja bezahlt werden und sei es durch einen Praxisansturm weiblicher Teenies und Homosexueller, die sich verkühlt hatten.

Nun also eine halbe Luftnummer. Raus und rein. Natürlich ist es damit nicht gänzlich getan und so bewundert man die Vielfalt des „Tuckings“. Man kann künftig sein Hemd als „Mushroom“ tragen, also ähnlich wie ein aufgebauschtes Soufflé, einfach ein wenig raus. Oder man ist echt crazy unterwegs, macht eine Hemdhälfte rein, während die andere – crazy shit, ihr ahnt es – draußen bleibt. „Half Tuck“, flüstern sich dann die Tans dieser Welt anerkennend zu. Als dritte Variante gibt es den „Vokuhila“, der zum Glück nicht direkt mit der furchtbaren Herrenfrisur des letzten Jahrtausends in Verbindung steht, sondern kurz und bündig das T-Shirt vorne hinterm Hosenbund versteckt, während es hinten wie ein Superman-Cape raushängen darf.


Als die berühmtesten Netflix-Homosexuellen dies nun zur Kunstform erhöhten, war es nur eine Frage von Millisekunden, bis Magazine wie die Vogue nachzogen. Es folgten der „Half Tuck“, der „Low Tuck“ und der “Quarter Tuck“ bis zum „Side Tuck“ und schließlich kam triumphierend des Königs Kind, der „Navel Tuck“ – das Hemd wird nur am Bauchnabel hineingesteckt.

Meine Großmutter hätte bei dem Anblick kurz gesagt: „Junge, lauf nicht so schmuddelig rum!“ Aber gut, Großmutti ist bei den Würmern und die Welt dreht sich weiter. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob die Jugend in zwanzig Jahren ähnlich verstörend auf unser Modeempfinden blicken wird, wie wir das heute mit den Jungs aus den 80iger Jahren machen.

Ach, der Sinn dahinter, fragt ihr? Es sei ein Zeichen der Individualität! Gut, wäre ein KarnevalshĂĽtchen auch. Aber nein, es verändere auch die Proportionen – dieses Tucking eben. Na klar, von stilvoll zu stillos. Jetzt kommt aber das Totschlagsargument, das immer greift: Es macht schlank! Deswegen sieht man inzwischen auch Herren, die sich ihre Pullover oder gleich ihre dicken Daunenjacken in die Hose stecken. Das nennt sich dann wahrscheinlich „Idiot Tuck“ – aber ist immerhin auch ein klares Statement, oder? 

Autor: Jo Heinrich

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