Idioten unterm Regenbogen?


Ich bin ein mittelalter, weißer, schwuler cis-Mann. Bevor ich also noch den Mund aufmache, bin ich fĂŒr einige Menschen in unserer Community bereits das Kernproblem. Der Feind. Ich bin ignorant, ein Schwuler mit Tunnelblick und wenn ich hinterfrage, warum sich unsere bunte Welt mal wieder um Nichtigkeiten wie eine politisch ĂŒberkorrekte Regenbogenflagge dreht, belege ich fĂŒr jene Menschen nur ihr vorschnell gefasstes Urteil ĂŒber mich, dass ich die Gesamtproblematik nicht verstehen kann oder will. Ich könne mich eben nicht in die Lage anderer Menschen aus der LGBTQ-Community hineindenken – noch schlimmer, ich will es wohl gar nicht. Ich bin der Feind.

In der RealitĂ€t bin ich nichts davon. Ich habe großen Respekt vor allen Menschen, gleich welcher Hautfarbe, sexuellen Ausrichtung oder körperlichen IdentitĂ€t. Und genau dieser Respekt lĂ€sst mich staunend bis kopfschĂŒttelnd die immer wieder aufflammende Diskussion um das Symbol der Regenbogenflagge wahrnehmen. Manche in unserer Community sind der Meinung, nur so Menschen mit anderen Lebensmodellen nicht herabzusetzen.

Dabei schaffen sie aber genau das Gegenteil: Die kleingeistige Diskussion um ein so allumfassend klares, selbsterklĂ€rendes und positiv starkes Zeichen wie die Regenbogenflagge drĂ€ngt all die Menschen von inter bis trans, von schwarz bis people of color, die jetzt in den Zacken der neuen Flagge sichtbar sein sollen, in die Ecke des Kabinetts fĂŒr KuriositĂ€ten.

Schlimmer noch, sie werden ins LĂ€cherliche gezogen.

ï»żWĂ€hrend sich Jahrzehnte lang die gesamte bunte Lebenswelt der Community unter dem weltweiten Zeichen des Regenbogens widerfinden konnte, darf dies nun nicht mehr GĂŒltigkeit haben. Wir sind zwar alle gleich, aber so gleich, dass wir alle unter den sechs Farben Platz finden, nein, so gleich sind wir dann nicht. Es braucht weitere Farben und fĂŒnf Zacken, die wie ein Keil den Regenbogenauseinanderschneiden. Vielleicht demnĂ€chst noch ein paar Sternchen, Kringel oder schillernde PĂŒnktchen? Ich wĂŒrde noch kleine erigierte Penisse vorschlagen!

Progress Pride Flag von Daniel Quasar

Wer sich mit der Geschichte der Rainbow-Flag auseinandersetzt, lernt schnell, dass es nie um einzelne Menschengruppen innerhalb der Community gehen sollte. Wie auch? Welcher Farbe mĂŒsste ich mich denn als schwuler Mann zuordnen? Und wĂ€re es eine andere Farbe, wenn ich jetzt schwarze Haut hĂ€tte? Da fĂ€llt mir ein, ich bin zwar ein weißer cis Mann und definiere mich selbst auch noch altbacken als „schwul“, aber ich war auch Zeit meines Lebens ein krĂ€ftiges, stark behaartes Kerlchen. MĂŒsste ich dann nicht noch die Farben Braun oder Ocker beimischen, die gerne bei Fahnen von BĂ€rentreffen anzufinden sind? In meiner Schulzeit war ich ĂŒbrigens noch BrillentrĂ€ger und eher szenefremd – heißt das, eine PrimĂ€rfarbe ist fĂŒr mich damit sowieso gestorben und ich bin eine wilde Farbmischung aus allen?

LĂ€sst man die Geschichte des Regenbogens als Symbol fĂŒr Frieden außer Acht, entwarf Gilbert Baker Ende der 70iger Jahre die erste Regenbogenflagge. Die damals noch acht Farben standen fĂŒr SexualitĂ€t, Leben, Heilung, Sonne, Natur, Kunst, Harmonie und SpiritualitĂ€t. Nachdem der erste offen lebende schwule Politiker Amerikas, Harvey Milk, 1978 ermordet wurde, wurde auf dem Protest- und Trauermarsch Bakers Flagge als Zeichen der SolidaritĂ€t verwendet. Aus GrĂŒnden der vereinfachten VervielfĂ€ltigung reduzierte man die Farbstreifen auf sechs StĂŒck.

Gut vierzig Jahre spĂ€ter existiert diese Regenbogenflagge noch immer – als ein Symbol fĂŒr Vielfalt der Lebensweisen, so wie Baker es selbst auch formulierte. Inspiriert wurde er angeblich vom Tode der Schauspielerin Judy Garland. Eines ihrer bekanntesten Lieder, „Over the Rainbow“, erzĂ€hlt von einem Ort, an dem alles besser und gerechter fĂŒr alle ist. Diese Flagge braucht kein Reboot und wĂŒrden wir beginnen, den einzelnen Farben Gruppen innerhalb der Community zuzuweisen, verkehren wir den starken und einfachen Grundgedanken ins genaue Gegenteil. Der Regenbogen vereint uns alle zusammen darunter, er steht fĂŒr Vielfalt und fĂŒr den simplen Fakt: Wir sind alle gleich. Gleichwertig. So unterschiedlich wir auch leben, ficken, lieben oder uns selbst definieren. Wir sind gleich! Wer diese Aussage und dieses Symbol in Form des Regenbogens Ă€ndern will, schafft nicht mehr Sichtbarkeit fĂŒr Menschen, die unter Rassismus leiden, er verhĂ€lt sich einfach nur selbst rassistisch.


Die Hohepriester und Priesterinnen der neuen Deutungshoheit entgegnen meinen beinahe blasphemischen AusfĂŒhrungen stets gerne mit der schlichten ErklĂ€rung, es gehe hier schließlich um verstĂ€rkte Sichtbarkeit von Minderheiten in der Minderheit. Lasst mich fragen: Ist es wirklich sinnvoll, ein Symbol, das weltweit fĂŒr Akzeptanz, Frieden, Hoffnung und Vielfalt aller (!) Lebensformen steht, zu zerstören, um einzelne Teile davon Gruppen zuzufĂŒhren und damit automatisch andere Personen auszugrenzen? Wie dumm kann man eigentlich sein? Seht ihr nicht, wie lĂ€cherlich wir uns machen? Wie dieser Streit fĂŒr Außenstehende sich anfĂŒhlen mag? Was mag fĂŒr die heterosexuelle Welt das stĂ€rkere Symbol sein? Alle Lebenswelten vereint unter einem starken, einfach verstĂ€ndlichen, alle inkludierenden Symbol oder ein Flaggenpotpourri, das mit Sicherheit niemand außerhalb des Zirkels der Deutungsfanatiker jemals verstehen wird?

Die WĂŒrde des Menschen ist unantastbar. Nicht grundlos ist dies der erste und auch wichtigste Satz in unserem Grundgesetz. Seit ich lebe, erlebe ich, wie dieser Artikel 1 fĂŒr Menschen in unserer Community beschnitten, kleingeredet, mit FĂŒĂŸen getreten und nivelliert wird. Bis heute in unterschiedlich starken AusprĂ€gungen und ĂŒber LĂ€ndergrenzen hinweg. Menschen aus unserer Community werden ermordet, gefoltert, misshandelt, gemobbt, ausgegrenzt und unterdrĂŒckt. Und die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen uns, dass wir mehr denn je wachsam und kĂ€mpferisch sein mĂŒssen. Kein Schritt zurĂŒck! Und zwar alle gemeinsam! Also, liebe Hohepriester/innen, haben wir nicht wirklich Besseres zu tun, als ĂŒber Farben zu streiten?ï»ż

Autor: Michael Soze

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