Kein Geld für die Community?


Dieses Jahr ist alles anders – unter der Corona-Pandemie und den daraus folgenden wirtschaftlichen Folgen haben viele Menschen und Unternehmen zu leiden. So verzeichnete die deutsche Wirtschaft auf dem Höhepunkt der Corona-Krise einen noch nie dagewesenen Einbruch. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im zweiten Quartal gegenĂĽber dem Vorquartal um 10,1 Prozent. Es war der stärkste RĂĽckgang seit Beginn der vierteljährlichen BIP-Berechnungen im Jahr 1970. Europas größte Volkswirtschaft steckt in einer Rezession. Dies wirkte sich 2020 auch auf das Budget zahlreicher Unternehmen fĂĽr die CSD-Kampagnen aus. Kurzum, viele LGBTI+-Projekte und Vereine bekamen deutlich weniger Spenden, wie sie es aus den letzten Jahren gewohnt waren.

Aufruf zum Boykott?

Einige Politiker und Aktivisten aus dem linken Spektrum, die bereits in den vergangenen Jahren stets skeptisch gegenĂĽber der Teilnahme von Unternehmen an den CSD-Paraden waren, nehmen dies nun erneut zum Anlass, um eine Kerbe zu schlagen, die eigentlich ĂĽberwunden schien. Sie unterstellen erneut den Unternehmen, dass diese am CSD nur teilnehmen, weil sie die LGBTI+-Community als Kaufkraft umwerben wollen.

Die Gruppe Die-Linke-Queer rief schon im April dazu auf, dass Unternehmen sich „zur Rettung der queeren Infrastruktur“ beteiligen sollen. Wer dabei wie den Begriff „queere Infrastruktur“ definiert, blieb offen. Der queer-politische Referent der Linkspartei im Deutschen Bundesta, Bodo Niendel, rief zudem dazu auf: „Wir sollten uns merken, welche Parteien, Unternehmen und Institutionen nicht mitziehen.“ Dieser indirekte Boykott-Aufruf gegenüber den Unternehmen, die nun keine Spendensumme auf bestimmte Konten eingezahlt haben, wirft die Frage auf, ob man so einfach eine Trennlinie zwischen „bösen“ und „guten“ Unternehmen ziehen kann oder sollte. Gerade in Zeiten, in denen viele Unternehmen selbst um die eigene Existenz kämpfen.


Die Tage, in denen sich LGBTI+´s in kleinen Hinterhof-Clubs und Selbsthilfegruppen zusammengefunden haben, sind zum Glück vorbei. Das stetige Wachstum an teilnehmenden Unternehmen bei den CSD-Paraden zeigt, dass die LGBTI+-Community in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Auch wenn noch viel zu tun ist und es noch viele Probleme und Ungleichheiten gibt, können sich LGBTI+-Aktivisten sehr breit und vielfältig engagieren. Viele namhafte Unternehmen unterstützen die verschiedensten Verbände finanziell, sie unterstützen die Bildung von unternehmensinternen LGBTI+-Netzwerken und stellen Diversity-Beauftragte ein. Durch eine Neujustierung der Unternehmenskultur schaffen die Unternehmen ein LGBTI+-freundliches Arbeitsklima. Dies ist ein Kraftakt, der das ganze Jahr über gestemmt wird und nicht nur an wenigen Wochen im Jahr.

Mit dem Hissen der Regenbogenfahne, der Einfärbung des Unternehmenslogos in den Regenbogenfarben, dem Herausbringen einer eigenen Pride-Kollektion, der Teilnahme an der digitalen Sticks&Stones oder durch die Unterzeichnung der Charta der Vielfalt haben auch in diesem Jahr viele Unternehmen ihre Solidarität zur Community zum Ausdruck gebracht. Viele Unternehmen geben für die Pride-Session sehr viel Geld aus. Nicht nur durch die Teilnahme an mehreren CSD-Paraden in Deutschland, Europa und der Welt, sondern auch durch einmalige Werbekampagnen, die nur in diesem Zeitraum laufen. Zu oft müssen sich diese Unternehmen einer Kundschaft gegenüberstellen, denen die Sonderkampagnen missfallen, um es diplomatisch auszudrücken. Boykott-Aufrufe gegenüber diesen Unternehmen sind leider an der Tagesordnung. Dennoch stehen diese Unternehmen zu ihren LGBTI+-Kampagnen und damit auch zur LGBTI+-Community.


Die Linke.Queer will insbesondere die Internet-Giganten in die Bezahlpflicht nehmen: „Vor allem diejenigen, die mit der Krise den Reibach ihres Lebens machen, stehen jetzt in der Pflicht.“ Natürlich gilt es, kritisch zu betrachten, welche Unternehmen nur als Pink-Washing sich kurzfristig engagieren und welche Firmen deutlich mehr tun. Dabei alle Big-Player aber über einen Kamm zu scheren, ist zu kurz gedacht und wird einzelnen Unternehmen auch nicht gerecht.

Ein großer Player im Onlinehandel ist zum Beispiel Zalando mit seinem Hauptsitz in Berlin. 2019 war Zalando auf dem CSD-Berlin dabei und hat mit einer umfangreichen Kampagne Flagge gezeigt. Auch in diesem Jahr war Zalando nicht untätig. In der ersten Kampagne des Jahres 2020 (“Goodbye Stereotypes. Hello Zerotypes”) hat das Unternehmen mit einem der größten Hindernisse für Vielfalt und Freiheit aufgeräumt: Stereotypen. Die Kampagne sollte Menschen dazu ermutigen, sich von klassischen Stereotypen zu verabschieden und modisch neu zu entdecken: „Die “Zerotypes” stehen für die Überzeugung, dass die Menschen frei sein sollten, so zu sein, wie sie sind“, so eine Unternehmenssprecherin.

Und weiter: „Im vergangenen Monat haben wir außerdem zusammen mit der polnischen Nichtregierungsorganisation "Campaign Against Homophobia" und dem polnischen Modekollektiv MISBHV eine Kampagne gestartet, die auf die unter Homophobie leidende LGBTQIA+-Gemeinschaft in Polen aufmerksam macht. Unter dem Titel "Clothes Reborn with Pride. Historie ukryte w ubraniach" erzählt die Kampagne echte Geschichten von LGBTQIA+-Mitgliedern, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Opfer von Gewalt wurden.“ Wie viele namhafte Unternehmen hat auch Zalando ein LGBTQI+ Mitarbeiternetzwerk und eine beauftragte Mitarbeiterin für Inklusion, um die Vielfalt und Integration im gesamten Unternehmen zu fördern und zu stärken.

Sollte 2021 die Corona-Pandemie überstanden sein, dann kann die LGBTI+-Community im 52. Jahr von Stonewall einmal mehr ihre Forderungen auf die Straße bringen und für die Rechte von LGBTI+ eintreten. Der CSD zeigt aber auch, was erreicht wurde. Die Sichtbarkeit von Unternehmen auf den Prides ist ein Zeichen dafür, dass die Community nicht mehr nur aus Vereinen und Selbsthilfegruppen besteht, sondern in all ihrer Vielfalt emanzipiert ist. Gerade in Krisenzeiten sollte die Community auf das Erreichte schauen, statt alte Gräben neu auszuheben.

Autor: Sebastian Ahlefeld

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